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Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 5

Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 5

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Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten " sind stimmungsvolle Firmengeschenke zum... mehr

Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten" sind stimmungsvolle Firmengeschenke zum Nikolaus, für die Adventszeit und zu Weihnachten.

Dieses band erzählt von 36 besinnlichen und heiteren Zeitzeugen-Erinnerungen an vergangene Weihnachten aus den Jahren 1918-1992. Tolles Geschenk für Ihre Mitarbeiter zur Weihnachtsfeier.

Die Erinnerungs- und Lesebücher aus dem Zeitgut Verlag sind perfekte Weihnachtspräsente für Mitarbeiter und Kunden. Mit hunderten von Weihnachtsgeschichten und Weihnachtserinnerungen geben sie genug Lesestoff zum Schmunzeln, zum Anrühren und Nachdenken. Sie zeigen das pralle Leben des letzten Jahrhunderts.

 

Weitere Infos:

192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Taschenbuch

 

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Alle 10 Taschenbücher aus der Weihnachtsbuch-Reihe "Unvergessene Weihnachten" bieten wir auch in einem schönen Schuber zum Vorzugspreis von je 59,00 EUR inkl. MwSt. an (Einzelpreis 6,90 EUR je Taschenbuch).

 

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Wenn Sie dieses Produkt als Set-Bestandteil erwerben möchten, lohnt sich vielleicht ein Blick in unsere Rubrik Präsente. Gerne passen wir den Inhalt eines Sets nach Ihren Wünschen an.

Wenn Sie eine passende Umverpackung oder eine gesonderte Individualisierung suchen, lohnt sich ein Blick in dieses PDF-Dokument. Hier finden Sie hübsche Säckchen, weihnachtliche Geschenkkartons, ansprechende Dosen und individualisierbare Anhänger.

 

Unvergessene Weihnachten, Band 5   Winter 1942/43. Wegen der Bombenangriffe... mehr

Unvergessene Weihnachten, Band 5

 

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Winter 1942/43. Wegen der Bombenangriffe auf deutsche Großstädte schickten die Enkel der Rönfranz ihre Kinder nach Großchristinenberg, Kreis Naugard, in Pommern. Hier war vom Krieg noch nichts zu spüren. Wir, die Urenkel, genossen das Landleben und das gute Essen bei dem Bauer Otto Rönfranz. Stolz lassen wir uns mit unserem Schneemann im Hof fotografieren. Ich (Rudolf Kyaw) bin der Fünfte von links auf dem Schlitten.

Wo steckt der Rudi?
Rudolf Kyaw

Stettin/Oder, Pommern;1942
Die Familie war vollzählig beisammen. Auch meine beiden großen Brüder waren da, darüber freute ich mich ganz besonders. Beide waren Soldaten. Hans hatte 36 Stunden Urlaub bekommen, er diente bei der Kriegsmarine, bei der U-Boot-Waffe, und Hugo, dessen Unterkiefer von einem Granatsplitter verletzt war, wurde kurz vor Weihnachten aus dem Lazarett entlassen.
Ein großer Weihnachtsbaum mit Wachskerzen strahlte im Eßzimmer. Als der Weihnachtsmann klopfte, war ich der Mittelpunkt der Familie. Zwei Lieder und ein Gedicht wurden mir als Preis für die Geschenke abverlangt. So recht glaubte ich mit meinen knapp sechs Jahren nicht mehr an den Weihnachtsmann; aber Angst hatte ich doch, als er mit der Rute drohte und mir das Versprechen abnahm, immer artig zu sein und meiner Mutter, Oma und Anni zu gehorchen. Anni Pieper war mein Kindermädchen und zugleich unsere Haushaltshilfe.
Die Geschenke waren eine Wucht: Soldaten und eine Blechkanone, die man mit Knallerbsen oder Ähnlichem laden konnte; eine Burg mit Rittern und Pferden. Und ein großer Kreuzer, der Aufbauten und Kanonen aus Holz hatte; dazu ein Torpedoboot, das mittels einer Spannfeder einen Holzbolzen als Torpedo abschießen konnte. Wenn man an dem Kreuzer die markierte Stelle richtig traf, flogen alle Aufbauten mitsamt den Kanonen in die Luft. Ein Mechanismus mit Feder, ähnlich einer Mausefalle, löste die Spannvorrichtung am Kreuzer und ließ die Teile davonfliegen. Getroffen habe ich das Schiff zweimal, aber zusammensetzen konnte ich es noch nicht. Die Spannfedern waren viel zu kräftig. Hans und Hugo halfen mir dabei, sie erklärten mir geduldig die Funktionsweise und hatten ihren Spaß daran.
– Ich beneidete meine beiden Brüder. Sie waren an der Front. Die Erwachsenen sprachen immer von der Front. Das Wort Front hatte für mich etwas Faszinierendes. Da gab es Schlachten, Helden, Heldentote und wichtige Kämpfe mit den Feinden des Deutschen Reiches. –
Hans und Hugo hatten genug Geduld mit mir bewiesen, sie zogen sich zurück und wollten sich in Ruhe unterhalten. Schließlich sahen sie sich nur selten. Voller Begeisterung wollte ich aber überhaupt nicht mehr aufhören zu spielen und als auch alles gute Zureden nicht half, drohte mein Vater: „Wenn du jetzt nicht hörst und ins Bett gehst, kommt der Weihnachtsmann wieder und nimmt dir alles weg!“
In diesem Moment klingelte es an der Vorsaaltür und meine Mutter rief ins Zimmer: „Der Weihnachtsmann ist wieder da!“
Vor Schreck verkroch ich mich unter dem Eßtisch.
Tatsächlich trat ein Weihnachtsmann in unser Zimmer und fragte: „Wo steckt denn der Rudi?“
Jetzt ist alles aus, dachte ich und stellte mich schützend vor mein Spielzeug. Dann aber bemerkte ich, daß das ein anderer Weihnachtsmann war. Ich schluckte, sagte noch ein Gedicht auf und erhielt als Belohnung dafür einen Beutel mit Nüssen und Bonbons. Darauf wünschte der Weihnachtsmann allen ein gesegnetes Fest und ging wieder.
Mein Gott, hatte ich einen Schreck bekommen!
Anni schnappte mich und – marsch! – ging es in die Federn.
Als ich viele Jahre später meiner Mutter davon erzählte, klärte sie die Geschichte auf. Herr Gebauer, der mit seiner Familie über uns wohnte, hatte mir als Weihnachtsmann eine Freude bereiten wollen.


Von den Schwierigkeiten, Weihnachtsmann zu sein
Ein Vater-Erlebnis (nacherzählt von Inge Handschick)

Zittau, Oberlausitz
Heute war ich bei meiner Tochter Claudia, zweites Schuljahr, Weihnachtsmann im öffentlichen Dienst. Um kreativ zu arbeiten, dachte ich schöpferisch voraus. Eine Liste mit pädagogischen Ermahnungen bekam ich von der Klassenleiterin, Frau Schönfuß. Eigentlich könnte sie auch Schönleib oder Schöngesicht heißen. In meine Aktentasche schleuste ich einen alten Telefonhörer, ein Stück Kabel war noch dran, und einen Wecker mit hinein. Roter Mantel, Bart und Sack warteten in einer Ecke des Lehrerzimmers auf mich. Nur an zünftige Stiefel hatten weder Frau Schönfuß noch ich gedacht.
Vorerst verlief alles programmgemäß. Der Wecker klingelte im päckchengefüllten Sack – ein gelungener Überraschungseffekt!
Eindrucksvoll umständlich nahm ich den Telefonhörer aus der Manteltasche. „Hallo? Hier ist der Weihnachtsmann ... Ja, ich höre ... Wie? Rico Krause stört im Unterricht? Na, der wird ...“
Rascher Blickwechsel mit Frau Schönfuß. Jetzt die erzieherischen Register ziehen! Gleich wird der vorlaute Rico mal die Sprache verlieren. Ich bin als Weihnachtsmann bestens in Form.
„Onkel, deine Strippe baumelt!“
„Aber Rico!“ sagte Frau Schönfuß vorwurfsvoll und sah mich dabei an.
Ich konnte dann sehr effektiv arbeiten, brauchte keine Ermahnungen mehr auszuteilen, nur die Geschenke; die Kinder freuten sich sowieso.
Ein paar persönliche Gespräche führte ich dennoch. Besonders mit den Schülern, deren Mutter mir gefiel. Dann verwandelte ich mich im Lehrerzimmer wieder in meine Normalgestalt und holte Claudia ab, als käme ich soeben von der Arbeit.
„Na, wie war’s?“
„Ganz lustig.“
„Wie war der Weihnachtsmann?“
„Er hatte deine Schuhe an.“
Ich zog es vor, das Thema zu wechseln. Zu Hause, beim Abendbrot, kam Claudia darauf zurück.
„Du, Vati, weißt du, was der Weihnachtsmann falsch gemacht hat?“
„Nö, was denn?“
„Er hat zu Martin gesagt: ,Na Kleiner, bist wohl mit der Oma da?’ Das war aber Martins Mutti!“
Ich verschluckte mich, hustete. Meine Frau klopfte mir auf den Rücken. „Ein starker Brocken!“ Es klang nicht nach Mitgefühl.
Claudia aber tröstete mich: „Laß mal, Vati. Ich sage Martin morgen, du siehst ein bißchen schlecht.“
Wahrscheinlich sah ich Weihnachtsmann auf einmal wirklich alt aus.


Die weitgereiste Weihnachtsgans
Elisabeth Schmack

Mühlhausen – Gotha – Georgenthal, Thüringen; Mitte der 70er Jahre
Es war Mitte der siebziger Jahre. Das erste gemeinsame Weihnachtsfest mit meinem Mann Werner stand bevor. Werner wohnte in Georgenthal und ich in Mühlhausen. Wir hatten beschlossen, das Fest bei ihm zu verbringen, da es in der schönen thüringischen Umgebung von Georgenthal sicher festlicher sein würde, als in der Stadt. Gleich hinter dem Haus, in dem Werner wohnte, lag ein Wäldchen, die „Aue“ genannt. Von hier aus konnte man bequem bis in den Thüringer Wald wandern.
Wir hatten alles genau abgesprochen. Den Festtagsbraten wollte ich besorgen, denn ich glaubte, eher an eine Gans zu kommen, weil wir in der Brückenstraße ein Geflügelgeschäft hatten, in dem ich schon oft gute Sachen eingekauft hatte. Doch als ich ein paar Tage vor Heiligabend dort vorsprach, hieß es: „Nur auf Vorbestellung“. Als ich vorbestellen wollte, sagte man mir, daß es dafür schon zu spät sei. Die Bestellisten wären schon weg und darüber hinaus gab es keine Zuteilung. So da stand ich da. Auch die Lauferei in Konsum- und HO-Läden blieb erfolglos. Die wenigen Tiefkühltruhen waren schon leer. Was nun?
Das erste gemeinsame Weihnachtsfest! Ich wollte glänzen und mich nicht blamieren. Eine Arbeitskollegin verstand mein Desaster. Sie verschaffte mir tatsächlich eine Gans von ihren Eltern, die auf dem Dorf wohnten und Geflügel hielten. Gerupft und ausgenommen, verpackte ich sie in einen stabilen, grauen Karton. So gut verpackt, ging der Vogel nach der Arbeit am frühen Heiligabend mit mir auf die Fahrt nach Georgenthal.
Ohne lästiges Umsteigen konnte ich von mir zu Werner mit der Bahn reisen. Damals befuhr noch eine Dampflok die Strecke von Leinefelde bis Arnstadt. Der Zug war wie immer nach Arbeitsschluß brechend voll. Doch je weiter der Zug sich von der Kreisstadt entfernte, um so mehr leerte er sich. Bei jedem Halt hatte ich ein Auge auf den Karton. In Gotha, wo der Zug länger hielt, stiegen die meisten Reisenden aus. Auf dem Bahnsteig wimmelte es nur so vor Menschen, und ich sicherte mir schnell einen Fensterplatz.
Als die Lok mit Gestampf, Gezisch und schrillem Pfiff ihre Wagen aus dem Bahnhof zog, war die Menschentraube noch immer auf dem Bahnsteig. Jetzt sah ich erst: Es waren Hobbyfotografen, die in allen möglichen Stellungen – stehend, kniend und sogar liegend – versuchten, die Lok auf ihre Filme zu bannen. Mit fast verzückten Gesichtern schauten sie dem ausfahrenden Zug nach. Später erfuhr ich, daß es eine der letzten Dampfloks war, die diese Strecke befuhr. Sie wurde von einer der schweren russischen Dieselloks abgelöst.

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Mein Zug von Leinefelde nach Arnstadt wurde Mitte der 70er Jahre von einer der letzten regulären Dampfloks gezogen, die man heute fast nur noch auf Schmalspurbahnen antrifft. Im Bild die Selketalbahn auf der Strecke Alexisbad – Harzgerode im verschneiten Harz.
(Foto: Wolfgang Nolte, Göttingen)

Ich blieb allein im Abteil, über mir im Gepäcknetz die Gans im Karton, vor dem Fenster die herrlichste Winterlandschaft und in mir die Freude aufs Wiedersehen ...
An den wenigen Haltestellen, die noch kamen, stieg kaum jemand zu. Ich träumte vor mich hin, und da fuhr der Zug auch schon in den Bahnhof Georgenthal ein. Von weitem sah ich Werner am Bahnsteig. Ich konnte es kaum erwarten und beeilte mich mit dem Aussteigen. Erst die innige Begrüßung, dann nahm Werner mir das Gepäck ab, und wir stapften durch den Schnee der Wohnung zu.
Das Rattern des Zuges war längst in der Ferne verklungen, da durchfuhr es mich heiß: Wo ist der Karton? Vielleicht auf dem Bahnsteig stehengeblieben?
Also wieder zurück. Das Schneetreiben wurde dichter. Der Bahnsteig war leer. Im Bahnhofsgebäude war noch ein Fenster erleuchtet. Der Beamte, der gehofft hatte, seine Ablösung wäre gekommen, reagierte ärgerlich. Er brummte was von Leichtsinn, gerade im Feiertagsverkehr, und nahm mit verbissener Miene die Befragung auf. Erst einmal den Ausweis. Dann ging es los: Beschreibung des Gepäckstückes, die Waggonnummer, welches Abteil, welcher Sitzplatz. Dann auch noch Anfang und Ziel der Reise, warum und wieso und noch einiges mehr.
Mir dauerte das alles viel zulange. Ich fragte, warum er denn nicht einfach bei der nächsten Haltestelle anrufen könne. So wäre eben die Vorschrift, meinte er mürrisch. Er machte uns gleichzeitig auf einen eventuellen Verlust aufmerksam; schließlich würden ja noch Fahrgäste aus- oder einsteigen. Ich hatte den stillen Verdacht, daß er die Suchmeldung gar nicht weiterleiten würde – ade, Weihnachtsbraten!
Werner sah wohl meine Enttäuschung. „Wir improvisieren das morgige Festessen, wirst schon sehen, irgend etwas ist doch immer im Haus.“
Es war lieb gemeint, doch kaum ein Trost für mich. Mir spukte die schöne Gans immerzu im Kopf rum. Ich ärgerte mich vor allem über mich selbst. Hatte ich nicht die ganze Fahrt über auf die Gans bzw. den Karton geachtet? Warum entschwand sie dann, als es darauf ankam, meinen Sinnen?
Selbst die Christmesse, die wir abends besuchten, konnte ich trotz der festlichen Ausgestaltung nicht so recht genießen. Erst der Heimweg brachte mir ein wenig innere Ruhe. Die hohen, hellerleuchteten Kirchenfenster, deren Schein den frischgefallenen Schnee glitzern ließ, dazu die Lieder des Posaunenchores, die uns, immer leiser werdend, bis nach Hause begleiteten, versetzten mich endlich in eine fast märchenhafte Stimmung.
Es hatte aufgehört zu schneien, die Schneedecke war noch unberührt. Doch im Hof war sie durch eine Fahrradspur durchbrochen, die bis zur Haustür führte. Dort stand ein Eisenbahner, der gerade dabei war, einen Karton vom Gepäckträger zu heben. „Ach, da sind Sie ja ... Fröhliche Weihnachten!“
Und weg war er. Auf dem Karton war in großen roten Buchstaben vermerkt:
BAHNHOF ARNSTADT, FUNDSACHE.
Stempel und Unterschrift waren vom Schnee verwischt.
Am nächsten Tag stand die weitgereiste Gans knusprig und fettglänzend, zusammen mit den Thüringer Klößen, auf dem Tisch.


Ein ganz besonderes Spiel
Hans Werner Krafft

Detmold, Lipper Land, Nordrhein-Westfalen;Dezember 1942
Die Wochen im Dezember, jene wundersamen Tage vor dem Christfest, bargen für mich, den Neunjährigen, auch in der schweren Zeit des letzten Krieges kindlich-unbeschwerte Vorfreude. Sie waren geprägt von erwartungsvollem, frohem Erleben.
Großmutter und die zwei Großtanten, die in der Nachbarschaft wohnten und beinahe ständig bei uns waren, packten Pakete und schrieben Briefe, eilig tunkten ihre Schreibfedern wieder und wieder ins Tintenfaß, kratzten über weiße Bögen und farbige Karten. Die drei beratschlagten und tuschelten, rechneten und betrachteten mit ernsten Gesichtern jene bunten, mit Strichen und Zahlen bedruckten Papiere, deren Abschnitte unsere Ernährung nur unzureichend sicherten. Alle Nahrungsmittel waren streng rationiert, nur gegen Marken dieser Papierkarten durfte der Händler Lebensmittel, aufs Gramm genau ausgewogen, abgeben.

Bild Meine Großtante Auguste und ich 1939

Drei- oder viermal in diesen vorweihnachtlichen Tagen aber geschah es dennoch, daß der Postbote klingelte, um ein Paket von lieben Verwandten abzugeben. Sie alle, diese wohlverschnürten, in braunes Packpapier gehüllten Weihnachtspakete, schob Großmutter oben auf den Bücherschrank im großen Wohnzimmer, erst am Heiligen Abend, beim Schein der aus Resten selbstgegossenen Baumkerzen, durften sie geöffnet werden.
Nur das Päckchen von Tante Ruth wurde gleich in der Küche ausgepackt. Tante Ruth war Pastorenfrau, sie unterstützte ihren Mann aktiv in der großen, ländlichen Pfarre, half, wo sie nur konnte, bei den mannigfachen Schwierigkeiten der Gemeindemitglieder in bedrückender Zeit und pflegte guten Kontakt auch zu den vielen Bauern des Kirchspiels. Ihr Weihnachtspaket enthielt immer, so wußten wir aus vergangenen Jahren, neben ein paar netten Kleinigkeiten für Großmutter und die Tanten, neben einem Spielzeug für mich, eine harte Mettwurst, vielleicht ein Stückchen Speck oder Schinken, ein wenig Schmalz, eine Dose mit Kochwurst – Kostbarkeiten in jener Zeit.
Auch in diesem Jahr hatte Großmutter die nahrhaften Gaben entnommen und das Päckchen – nunmehr nur lose in sein Packpapier geschlagen – auf den Bücherschrank geschoben, nicht ahnend, in welch große Versuchung sie mich führte. Das halboffene Paket nämlich ließ mir hinfort keine Ruhe. Was mochte sich unter dem braunroten Papier für mich verbergen?
Waren die anderen Pakete wohlverschnürt, somit sicher vor heimlicher Nachschau, so harrte mit dem Päckchen von Tante Ruth dort oben auf dem Bücherschrank eine riesige Verlockung, eine Anfechtung, der ich kaum gewachsen war.
Wie aber und wann das Geheimnis lüften?
Allein war ich so gut wie nie im Haus, zudem graulte ich mich immer ein wenig in dem holzvertäfelten, aus Kohlenmangel unbenutzten, düsteren Zimmer, dessen schwere Vorhänge stets zugezogen waren. Der Kronleuchter unter der geschnitzten Decke hatte nach und nach alle Glühbirnen für andere Lampen einbüßen müssen – sie galten als kriegswichtiges Gut und waren auch in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1942 nicht oder nur sehr schwer zu bekommen.
Schließlich aber, an einem neblig-trüben, späten Nachmittag, kurz vor dem vierten Adventssonntag, hatten die Tanten und Großmutter die weißgrauen Haare mit der Brennschere in ansprechende Wellen gelegt und die Gummigaloschen über die Halbschuhe gestreift. Dann waren sie losgegangen zur kleinen Weihnachtsfeier des Kirchenchores.
Ein wenig zauderte ich, doch die Neugier besiegte die Gewissensnöte und die Angst vor dem düsteren Zimmer. Den Kerzenleuchter in der Hand, stieg ich auf einen Stuhl, holte entschlossen das nur lose eingeschlagene Paket vom Schrank, öffnete es bei Kerzenschein auf dem Fußboden vollends, und – war maßlos enttäuscht.
Wollenes und Besticktes, Gestricktes und Gehäkeltes fand ich für die Tanten und für Großmutter, für mich aber barg das Paket ein Spiel, ein sicherlich schönes Würfelspiel über Flugzeuge des Dritten Reiches. Doch Spiele stapelten sich in meinem Schrank, Würfelspiele, die sich mit Panzern im Wüstensand und Luft- oder Seekriegen beschäftigten; trotz Rohstoffknappheit gefördert von der damaligen Diktatur.
Gelangweilt hob ich den Deckel des Kartons ein wenig an, fand einen bunten Spielplan, farbige Figuren, Würfel und – war plötzlich fasziniert, wie elektrisiert: Auf dem Spielplan lag ein Cellophanumschlag, in dem sich eine mir gänzlich unbekannte, schwarze, krümelige Masse wölbte. Natürlich nahm ich mir nicht die Zeit zum Studium der Anleitung, ein Spiel aber, zu dessen Ausstattung dieses mir völlig fremde schwarze Gekrümel zählte, fürwahr, das mußte ein ganz besonderes Spiel sein!
In den nächsten Tagen dachte ich in der Schule und bei Spiel, Weihnachtsbastelei und Schlittschuhlauf an kaum anderes als an jenes Würfelspiel, zu dem in großem, durchsichtigem Kuvert diese sonderbare krüselige Substanz gehörte, die ich nie zuvor gesehen hatte. Wir diskutierten auf dem Schulhof, in den Pausen, doch keiner meiner Klassenkameraden wußte um ein Würfelspiel, dem der Hersteller nicht nur Würfel und Figuren, sondern auch in glasklarer Tüte eine höchst rätselhafte schwarze Krümelmasse beigepackt hatte.
Mehr noch als sonst zählte ich die Zeit bis zum Fest, längst hatte ich mit meinen Freunden Tage vereinbart, an denen wir nach Weihnachten das Geheimnis jenes Spieles mit dem so außergewöhnlichen Stoff ergründen wollten. Selbst beim Krippenspiel während der Christmette, bei dem ich den Josef spielte, kreisten meine Gedanken um jenes Würfelspiel, das mit so eigenartigen Krümeln in einem Umschlag aus Cellophan ausgestattet war.
Dann war es soweit. Nach dem Gottesdienst hatten wir in der Küche ein wenig gegessen, Großmutter und die Tanten verschwanden sodann im kleinen Wohnzimmer, und ich wartete im Flur auf das Läuten jenes silbernen Glöckchens, das nur einmal im Jahr für wenige Augenblicke in Aktion trat.
Endlich! Das kleine Zimmer erstrahlte im warmen Licht der Kerzen, die Tanten und Großmutter machten feierliche Gesichter und stimmten die schönen alten Lieder an. Natürlich sang ich mit, doch meine Gedanken kreisten – erst heute schäme ich mich! – um jenes Würfelspiel, zu dessen Umfang eine so befremdende Krümelmasse zählte.
Nun nickte Großmutter mir zu – ich durfte auspacken. Sicher war es das schlechte Gewissen, das mich zuerst nach einem anderen Päckchen greifen ließ. Ich fuhrwerkte mit der Schere, hörte artig zu, als Großmutter den langen Brief einer Cousine vorlas, der in dem Paket gelegen hatte, dachte an das Spiel und betrachtete oberflächlich den Pullover, den die Cousine der Tanten mir zugedacht hatte. Dann erst schob ich das braune Packpapier, das jenes absonderliche Würfelspiel umhüllte, beiseite, reichte Großmutter und den Tanten Gestricktes und Besticktes, hörte wiederum geduldig zu, als Tante Ruths Brief, diesmal von Tante Auguste, verlesen wurde und griff endlich zu jenem Würfelspiel, um das in den letzten Tagen meine Gedanken beinahe ununterbrochen gekreist hatten. Wie unschlüssig betrachtete ich den Cellophanumschlag, in dem sich die mir so unbekannte schwarz-krüselige Masse wölbte – gleich würde ich den Spielplan studieren.
Indes – es kam ganz anders. Tante Auguste war es, die auf das durchsichtige Kuvert schaute, mir den Umschlag dann wie selbstverständlich aus der Hand nahm, genau hinsah, ihn öffnete, die Nase hineinhielt und ihn sodann beinahe triumphierend schwenkte: „Wie Ruth das nur immer wieder schafft in diesen schweren Zeiten“, sagte sie zu den Schwestern, „jetzt hat sie sogar echten schwarzen Tee besorgen können und ein Tütchen in das Würfelspiel für den Jungen gelegt – ach, wie freue ich mich! Wenn wir haushalten und zweimal aufgießen, reicht der Tee bestimmt für zehn Tassen!“

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