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Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 9

Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 9

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Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten " sind stimmungsvolle Firmengeschenke für Kunden... mehr

Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten" sind stimmungsvolle Firmengeschenke für Kunden und Mitarbeiter zum Nikolaustag, für die Adventszeit oder zu Weihnachten.

Tauchen Sie ein in 36 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen an die Weihnachtszeit der Jahre 1924 - 2005. "Unvergessene Weihnachten" ist auch ein tolles Lesebuch für Kinder und Schüler.

Die Erinnerungs- und Lesebücher aus dem Zeitgut Verlag sind wunderbare Weihnachtsgeschenke für Mitarbeiter und Kunden. Mit einer Vielzahl von Weihnachtsgeschichten und Weihnachtserinnerungen geben sie Gelegenheit zum Schmunzeln, Anrühren und Nachdenken.

 

Weitere Infos:

Taschenbuch, 192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, gebundene Ausgabe mit Lesebändchen

 

Verschenken Sie die komplette Buchreihe zu Weihnachten

Alle 10 Taschenbücher aus der Weihnachtsbuch-Reihe "Unvergessene Weihnachten" bieten wir ebenfalls in einem großen Schuber mit Weihnachtsmotiv zum Vorzugspreis von 59,00 EUR inkl. MwSt. an (Einzelpreis 6,90 EUR je Taschenbuch).

 

Mixen Sie sich Ihre Weihnachtsbuch-Bestellung individuell zusammen

Sie können aus allen 10 Weihnachtsbüchern Ihre Gesamt-Wunschmenge zusammenstellen, z.B. 20x Band 1 + 30x Band 3 oder einfach nur 50x Band 1 ... ganz wie Sie es für Sie am besten passt.

Wenn Sie dieses Produkt als Set-Bestandteil erwerben möchten, lohnt sich vielleicht ein Blick in unsere Rubrik Präsente. Gerne passen wir den Inhalt eines Sets nach Ihren Wünschen an.

Wenn Sie eine passende Umverpackung oder eine gesonderte Individualisierung suchen, lohnt sich ein Blick in dieses PDF-Dokument. Hier finden Sie hübsche Säckchen, weihnachtliche Geschenkkartons, ansprechende Dosen und individualisierbare Anhänger.

Unvergessene Weihnachten, Band 9 Der Tannenzweig  von Ulla Punke Mittagspause im... mehr

Unvergessene Weihnachten, Band 9

Der Tannenzweig 
von Ulla Punke

Mittagspause im Hause Wherry. Ich sitze in meinem Zim­merchen, oben unterm Dach, und es geht mir schlecht. Ich friere erbärmlich, denn die Kammer für „mother’s help“ ist nicht heizbar. Zwar hat Mr. Wherry eine kleine wacklige Heiz­sonne hineingestellt, mit der Auflage, sie nur nachts zu be­nutzen und ansonsten weit unters Bett zu schieben. Mrs. Wherry braucht nichts davon zu wissen. Mußte ich denn unbedingt meinen Kopf durchsetzen, um nach England zu kommen?

„Ich gehe ins Ausland!“ – Wie toll das geklungen hatte! Für eine Neunzehnjährige wie mich war das ja wirklich ein verlockender Gedanke, etwas Besonderes, als Au-Pair-Mäd­chen weit weg von den Eltern für ein Jahr in einem anderen Land zu arbeiten. Mein Vater war strikt dagegen gewesen und ließ mich schließlich nur ziehen, weil er überzeugt war, daß ich nach sechs Wochen reumütig zurückkehren würde.

Jetzt habe ich jämmerliches Heimweh. Es ist Dezember, aber Weihnachten in England finde ich doof. Schon seit An­fang des Monats steht der Weihnachtsbaum im Wohnzim­mer, ein scheußliches Exemplar aus Plastik mit elektrischen Kerzen. Kein Tannenduft, kein Kerzenschimmer.  Wenn es nur wenigstens nicht obendrein so kalt wäre!

Das kleine südenglische Dorf, in das es mich verschlagen hat, liegt oben auf der Steilküste, und das Haus der Wher­ries steht ganz am Rand, schutzlos dem Wind von See her ausgeliefert. Die Gardine vor meinem Fensterchen schwebt waagerecht im Raum, so sehr zieht es durch den reparatur­bedürftigen Rahmen.

Lautes Klopfen reißt mich aus meinem Selbstmitleid. Alle drei Jungen stürzen gleichzeitig zur Haustür, obwohl sie eigentlich Mittagsruhe halten sollen. Sie sind vier, fünf und sechs Jahre alt. Ich erkenne die Stimme des Postboten, der fast täglich um diese Zeit bei uns vorbeikommt, dazwischen das aufgeregte Geplapper von Keith, Brian und Peter. Ge­trappel auf der Treppe. Die Tür fliegt auf, und da stehen meine drei Schutzbefohlenen mit roten Wangen und blit­zenden Augen:

„A parcel for you, Ursel, from Germany!“

 

Meine englische Gastfamilie in Sussex am 1. November 1956: Mr. Wherry und Brian, Mrs. Wherry mit Peter und ganz rechts Keith.
Meine englische Gastfamilie in Sussex am 1. November 1956: Mr. Wherry und Brian, Mrs. Wherry mit Peter und ganz rechts Keith.

Sie sind genauso aufgeregt wie ich. Während ich die Schnü­re löse und das Paket öffne, umringen sie mich und würden am liebsten mithelfen. Unter dem Packpapier kommt schö­nes deutsches Weihnachtspapier zum Vorschein. Und als das vorsichtig abgelöst und der Deckel geöffnet ist, liegt da zu­oberst ein kleiner grüner Tannenzweig, mit Lametta und ei­ner roten Schleife geschmückt. Behutsam nehme ich ihn her­aus und rieche daran. Ja, das ist Weihnachtsduft, wie er schö­ner nicht sein kann!

 

Dieses Foto von mir mit einem Bobby wurde bei einem Ausflug nach London aufgenommen.
Dieses Foto von mir mit einem Bobby wurde bei einem Ausflug nach London aufgenommen.

 

Tränen steigen mir in die Augen, und ich schlucke schwer. Die Jungen sind eher an dem Inhalt des Pakets interessiert. Was kommt da nicht alles zum Vorschein: Schwarzbrot, das ich hier so vermißt habe, ein Glas mit eingewecktem Grün­kohl und, neben anderen Geschenken, natürlich Marzipan­kartoffeln, Nugat, Schokolade. Eben alles, wovon meine Mutter weiß, wie sehr ich es liebe. Gerne gebe ich davon ab. Für mich ist das schönste Weihnachtsgeschenk der kleine grüne Tannenzweig mit seinem einmaligen Duft.

Nachtrag In England gibt es keinen Heiligen Abend wie bei uns in Deutschland. Die Bescherung findet am ersten Weihnachts­tag statt. Den Kindern wird erzählt, daß „Father Christmas“ die Geschenke durch den Kamin wirft. Der zweite Weih­nachtstag ist der „Boxing Day“. Dann werden alle Kartons (boxes), Verpackungen usw. zusammengesammelt und ent­sorgt. Ich als „mother’s help“ war hauptsächlich damit be­schäftigt, das Weihnachtsessen, einen riesigen Puter, zuzu­bereiten. Aber ich habe von Mr. und Mrs. Wherry einige net­te Geschenke bekommen.

Als gebürtige Australier gingen die Wherries bereits im Frühjahr 1957 in ihre Heimat zurück und wollten mich zu meiner Freude für zwei bis drei Jahre mitnehmen. Aber das haben meine Eltern nicht erlaubt. Ich habe mir dann für die restliche Zeit eine neue Stelle als au-pair-Mädchen gesucht. Kontakt nach England halte ich heute noch. Eine Freundin hat dort ihren Mann kennengelernt und lebt seitdem in Eng­land. Ich besuche sie alle zwei Jahre.

 


 

Der unbescheidene Hanno 
von Erika Arnholdt

Ich verbrachte meine Kindheit auf dem Lande. Meine Eltern stammten aus Schlesien, auch meine um fünf Jahre ältere Schwester Traute war dort geboren. Unsere Familie hatte auf einem Gut in Altenrode bei Goslar unterkommen können. Wir wohnten hier, und Vater arbeitete als Treckerfahrer und Chauf­feur des Gutsherrn. Wie alle Kinder, waren auch wir am lieb­sten draußen. Im Herbst und Winter jedoch, auch im zeitigen Frühjahr, wenn es noch empfindlich kalt war, spielten wir im Hause. Meine fünf Jahre ältere Schwester Traute spielte mit dem gleichaltrigen Hanno, einem der Söhne des Chefs. Weil sie aber immer auf mich aufpassen mußte, war ich wohl oder übel auch dabei. Damals gab es im ersten Stockwerk des Guts­hauses ein großes Kinderzimmer, ohne Betten. Es war eher ein geräumiger Aufenthaltsraum mit einem übergroßen Tisch und vielen Stühlen darum, einem Bücherschrank, einem Sofa, Truhen und Kisten voller Spielzeug sowie einem Teppich auf dem Parkettboden. Der Raum war sehr groß und hell, denn er besaß drei hohe Fenster.

Hier spielten wir unter der Obhut von Lilo, dem Kinder­mädchen. Sie erzählte uns auch Geschichten oder las aus ei­nem der schönen Bilder- und Kinderbücher vor. Sicherlich ha­ben Traute und Hanno hier auch gebastelt und ihre Schular­beiten gemacht, während Lilo mich anderweitig beschäftigte. In den Mittagsstunden mußten es leise Spiele sein, weil ne­

 

Das Gutshaus und das Hoftor in Altenrode im Harz.

 

Das Gutshaus und das Hoftor in Altenrode im Harz.

 

Obenan die Zimmer von Hannos Großeltern lagen. Er nannte sie Grand-Mama und Grand-Papa – ein Überbleibsel aus der guten alten Zeit zu Beginn des Jahrhunderts, als sich der Adel und wohlhabende vornehme Bürger in französischer Sprache bei Tische unterhielten, damit das Personal nicht verstehen und hören konnte, was nicht für dessen Ohren bestimmt war.

Am schönsten war es aber immer für mich, wenn Lilo ge­gen vier Uhr nachmittags schnell mal nach unten in die Kü­che ging, denn jedesmal trug sie bei ihrer Rückkehr ein gro­ßes Tablett. Darauf stand für jeden von uns eine große Tas­se, mit einem Hahn oder einer Henne bemalt, die mit köstli­chem Kakao gefüllt war. Dazu gab es meistens Kekse oder ein gebuttertes süßes Hefeteigbrötchen, in der Adventszeit aber Plätzchen und Lebkuchen. Seit damals ist Kakao für mich nicht nur ein süßes, warmes Getränk, sondern auch der Inbegriff eines schönen Gefühls der Geborgenheit. Noch heute trinke ich eine Tasse Kakao mit diesem ganz besonde­ren Genuß, und es wundert mich kein bißchen, daß das Mo­tiv von Hahn und Henne auf dem Steingutgeschirr nie au­ßer Mode gekommen ist.

 

Hier stehe ich als Zweieinhalbjährige vor dem Milchkan­nenhäuschen auf dem Gutshof. Es ist das einzige Foto, das ich aus dieser Zeit besitze.
Hier stehe ich als Zweieinhalbjährige vor dem Milchkan­nenhäuschen auf dem Gutshof. Es ist das einzige Foto, das ich aus dieser Zeit besitze.

Nie werde ich vergessen, wie an solch einem Winterabend

– es muß der Nikolaustag gewesen sein – Knecht Ruprecht persönlich ins Haus kam. Wir spielten alle in Hannos Kin­derzimmer, auch seine älteren Geschwister Volker und Mia waren da, dazu noch Helga, Mias Freundin, und die beiden Töchter der anderen Flüchtlingsfamilie, die auf dem Gut leb­te. Lilo hatte die Kerzen am großen Adventskranz angezün­det, der mitten auf dem Tisch stand, und gerade begonnen, eine Geschichte aus dem Märchenbuch vorzulesen, als es dumpf an die Tür pochte. Ich erschrak sehr und flüchtete sogleich auf Lilos Schoß. Da öffnete sich auch schon die Tür, und Knecht Ruprecht stand vor uns. Er trug einen dunklen, schweren Mantel, der bis zum Boden reichte, schwarze Stie­fel und auf dem Kopf eine Kapuze, die mit Fell besetzt war. Doch noch furchterregender waren sein langer weißer Bart und die Rute, die er in der Hand hielt. Mir war unheimlich zumute, und in meiner Aufregung nahm ich den großen, prall­gefüllten Jutesack in seiner anderen Hand, ohnehin nur von mattem Kerzenschein beleuchtet, gar nicht wahr.

Knecht Ruprecht erkundigte sich erst einmal, wer denn Mia und Volker seien. Dann mußten sie ein Gedicht aufsagen. Auch Renate, das ältere der Flüchtlingsmädchen, wußte einen Vers auswendig, und als sie ihn stockend vorgetragen hatte, erhielt sie eine mit Naschwerk gefüllte Tüte, ebenso ihre kleine Schwester und ich. Dann kam Gertraut dran, die ebenfalls glaubhaft versicherte, immer brav gewesen zu sein.

Zuletzt war Hanno an der Reihe. Knecht Ruprecht fragte ihn, warum er denn am Vorabend statt seiner eigenen Schuhe die großen Schaftstiefel seines Vaters vor die Türe gestellt hätte. Nun kam Hanno ins Stottern und Schwitzen, er habe ja nur ...

„Du konntest wohl nicht genug bekommen und wolltest mehr als die anderen haben?“ fragte Ruprecht streng.

Hanno mußte dies kleinlaut zugeben. Er habe ja aber gar nichts erhalten, klagte er dann, denn am Morgen seien die Stiefel nur mit Kohle und Holzstücken gefüllt gewesen.

„Das war die Strafe für deine Unbescheidenheit“, erklär­te Knecht Ruprecht. „Aber falls du versprichst, es nie wie­der zu tun, habe ich hier auch eine Tüte für dich.“

Hanno nahm sie erleichtert entgegen, und Knecht Ru­precht verabschiedete sich bis zum nächsten Jahr. Mia, Volker und Helga kicherten: „War das nicht ..?“ Aber schwups, da haute Knecht Ruprecht schnell noch ein­mal mit der Rute in ihre Richtung und verschwand.

Staunend blieben wir zurück. Lilo knipste die Lampe an, und wir schauten andächtig in die vollen Tüten. Was waren das für Schätze: Lebkuchen, eine Apfelsine und ein Apfel, vergoldete Nüsse, mit buntem Streusel verzierte Plätzchen, Schokoladenkringel und Schokoladenherzen!

Erst viel später habe ich erfahren, daß mein Vater im Auf­trag seines Chefs uns als Knecht Ruprecht besucht hatte.

 


 

Wenn Mütter überraschen 
von Horst Beckmann

Völlig frontunerfahren hatte man uns ehemalige blutjunge Luftwaffensoldaten in sehr harte Kämpfe hineingeworfen. Unter hohen Verlusten wurde die ganze Division aufgerie­ben. Der Restbestand kam nach zweimonatigem Frontein­satz ins Hinterland zurück, zunächst in eine Entlausungs­anstalt. Neue Wäsche gab es noch nicht. Mit dürftiger Klei­dung kamen wir wieder im Bahntransport nach Deutschland. In Stendal, einer alten Garnisonsstadt, warteten leerstehende Kasernen auf uns. Hier wurden wir für den weiteren Front­einsatz neu zusammengestellt.

Das Weihnachtsfest stand vor der Tür, und ich traute mei­nen Ohren nicht, als der Grenadier Horst Beckmann ausge­rufen wurde. Dann stehe ich vor meinen Eltern!

Mein Vater, dessen Tischlerei zur Rüstungswerkstatt um­gestellt wurde, hatte seinen Pkw frei; das heißt, der Wagen bekam am Nummernschild einen roten Winkel als Zeichen dafür, daß er das Auto mit Hänger für Lieferungen einset­zen durfte, aber auch einige Privatfahrten waren genehmigt. So waren meine Eltern von Stargard nach Stendal gekom­men, um mich zu besuchen.

Natürlich hat eine Mutter schnell einen Blick für den Zu­stand ihrer Kinder, und so stellte sie auch fest, wie dürftig ich gekleidet war. Statt der Strümpfe hatte ich Fußlappen, und das im kalten Winter. Unterwäsche trug ich auch nicht – die war für uns noch nicht eingetroffen. Die verlauste Wä­sche waren wir losgeworden. So fehlte es an vielem. Mutter war entsetzt, was ich ihr sofort anmerkte. Dennoch gab es gute Gespräche, vor allem mußte ich, wenn auch sehr vor­sichtig, von meinem ersten Fronteinsatz berichten, bei dem viele Kameraden und Freunde verwundet wurden, aber auch viele gefallen waren. Alles hat meine Eltern sehr mitge­nommen. Vater und Mutter sind betroffen und traurig nach Hause gefahren, hatten aber ein kräftiges Lebensmittelpa­ket dagelassen, dessen Inhalt ich mit meinen Kameraden teilte.

Weihnachten, eine Zeit, die bei manchen Kameraden, be­sonders wenn sie Familienväter waren, die Herzen wehmü­tig werden ließ. Es gab eine Verfügung, nach der es in beson­deren Fällen zum Heiligen Abend Heimaturlaub gab, wenn Soldaten Familienväter waren oder wenn zu Hause ein Not­fall vorlag. Für den jungen Grenadier Beckmann kam das natürlich nicht in Frage. Aber mit Rücksicht auf die Weih­nachtsurlauber wurde die Feier für die Einheit um einige Tage vorverlegt. Bis zu diesem Tag ging es in der Truppe sehr hektisch zu, und man kam sich vor wie in den Kinderta­gen, denn wer aus der Rolle fiel, würde von der Weihnachts­feier ausgeschlossen – so sagte man uns.

Dann war es soweit! In Gruppen zogen wir in den festlich geschmückten Tagesraum wie beim Exerzieren auf dem Kasernenhof. Festlich geschmückt soll heißen, daß in einer Ecke des Raumes ein mit Kerzen dekorierter Tannenbaum aufgestellt war. Die Tische waren schlicht gedeckt. Auf je­dem Platz lag eine Tafel Schokolade. Ein Kamerad begleite­te auf einem alten, sehr verstimmten Klavier das erste Weih­nachtslied „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter“.

Dann ergriff der Kommandeur das Wort: „Kameraden, wir feiern heute die sechste Kriegsweihnacht. Viele unserer Ka­meraden sind auf dem Feld der Ehre geblieben, aber ...“ Und dann kamen für uns heute leere Worte. Damit war der offizi­elle Teil dieses Abends beendet. Davor wurde noch ein „Weih­nachtslied“ gesungen: „Hohe Nacht der klaren Sterne, die wie weite Brücken steh’n. Über einer tiefen Ferne, drüber uns’re Herzen geh’n ...“ – ein Lied, das jemand für die „ger­manische“ Wintersonnenwende geschrieben hatte, die beim Nationalsozialismus mehr Beachtung fand als das christli­che Weihnachtsfest.

Als sich dann besonders die älteren Kameraden am Glüh­wein erfreuten, bei dem der gehörige Schuß Rum nicht feh­len durfte, verließen jüngere nach und nach schweigend den Raum. Auch ich zog mich, von der Feier enttäuscht, zurück und wollte mich, wehmütig an unsere Familienfeiern den­kend, auf mein Bett legen und traurig sein. Kaum hatte ich meine Stube betreten, als mein Blick auf mein Bett fiel: ein Paket! An der groß aufgemalten Adresse erkannte ich die Handschrift meiner Mutter. Das Weihnachtspaket aus mei­ner pommerschen Heimat Stargard!

Und dann so früh, obwohl die Eltern bei ihrem Besuch vor drei Wochen bereits ein großes Paket mitgebracht hatten. Sollte ich es bis zum Heiligen Abend liegen lassen, noch fünf Tage? Oder ob ich es schon öffnete?

Es könnte ja etwas Verderbliches drin sein. Meine Miß­stimmung gab zu Letzterem Anlaß. So würde der Abend doch noch einen guten Abschluß finden, Mutter schreibt immer so gute und eindrucksvolle Begleitbriefe.

Sparsam und gespannt löste ich die Schnur, denn ein Sol­dat kann alles verwenden, und Mutter wußte das, darum hat­te sie die Verpackungsschnur so geknotet, daß man sie ohne Schwierigkeiten lösen konnte. Dann der Einschlagbogen, auch der wurde wieder, brauchbar für irgendetwas, in den alten Falten zusammengelegt. Mutter verpackte ihre Pake­te sehr korrekt und eigen. Der Karton war noch einmal mit dünner Schnur zugebunden, und so wuchs die Spannung zu­nehmend. Natürlich waren alle kostbaren Sachen liebevoll in Weihnachtspapier eingewickelt, wenn das Papier auch schon einige Jahre gedient hatte. Man mußte alles gut auf­heben, um es wieder verwenden zu können, denn zu kaufen gab es nur das Nötigste.

Obenauf lag der begleitende Brief wie auch sonst bei den Feldpostpäckchen. Ich sollte ihn zuerst lesen, bevor ich die eingewickelten Sachen auspacke; dann könnte ich immer noch entscheiden, ob ich sie bis zum Heiligen Abend ver­packt lasse.

„Mein lieber Junge ...“, so begann Mutter immer ihre Briefe an mich, „... nun ist es für Dich und für uns das zweite Weihnachtsfest, an dem Du nicht mit uns am Heiligen Abend zusammen sein kannst.

Es tut uns sehr leid, daß Du unsere eindrucksvollen Familienfeiern vermissen mußt, wenn Vater zu den Lie­dern auf der Geige gespielt hat, während ich ihn auf dem Klavier begleitet habe. Und dann die Gedichte und Geschichten, die wir aufgesagt und gelesen haben, nach­dem wir die Weihnachtsgeschichte vorher gemeinsam in der Kirche gehört haben. Aber nun bin ich schon beim Heiligen Abend!

Zuvor gratulieren wir Dir sehr herzlich zu Deinem Geburtstag! 18 Jahre wirst Du alt. Drei Jahre sind es noch bis zur Volljährigkeit, und so jung mußt Du schon Frontsoldat sein und unsere Heimat verteidigen ...“

Ich glaube, ich habe mich erschrocken! An der Front wur­den Geburtstage oft verdrängt, weil sie zu Sentimentalität Anlaß gaben, aber hier in der Kaserne?

Ich dachte über die Tage nach. Die Kalendertage hatten wir nicht immer im Griff, aber es waren noch fünf Tage bis zum Heiligen Abend und – tatsächlich: Wir hatten heute den

19. Dezember – mein Geburtstag und ich wurde 18! Ich hat­te ihn wirklich vergessen!

Ich glaube, ich habe ein paarmal: „Danke, Mutti, danke!“, gesagt. Die vorausgegangene Weihnachtsfeier war abgehakt. Aber ob mir jetzt trotzdem die Tränen kamen, weiß ich nicht mehr, vielleicht Tränen des Heimwehs, der Sehnsucht, der Freude – oder ein paar schon echte Männertränen?

Eines aber weiß ich noch, daß ich an diesem Abend die eindrucksvollste Stunde aller meiner Geburtstage erlebt habe. Was doch eine Mutter alles vermag! Und darüber hin­aus war es ihr gelungen, das Paket so abzuschicken, daß es mich pünktlich an meinem Geburtstag erreichte. Danke, Mutti, das sage ich heute noch einmal über Deinen Tod hin­aus.

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