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Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 3

Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 3

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Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten " sind stimmungsvolle Firmengeschenke zum... mehr

Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten" sind stimmungsvolle Firmengeschenke zum Nikolaus, für die Adventszeit und zu Weihnachten.

Dieses Band Nr. 3 enthält Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten aus den Jahren 1914-1994.

Die Erinnerungs- und Lesebücher aus dem Zeitgut Verlag sind perfekte Weihnachtspräsente für Mitarbeiter und Kunden. Mit hunderten von Weihnachtsgeschichten und Weihnachtserinnerungen geben sie genug Lesestoff zum Schmunzeln, zum Anrühren und Nachdenken. Sie zeigen das pralle Leben des letzten Jahrhunderts.

 

Weitere Infos:

192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Taschenbuch

 

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Alle 10 Taschenbücher aus der Weihnachtsbuch-Reihe "Unvergessene Weihnachten" bieten wir auch in einem schönen Schuber zum Vorzugspreis von je 59,00 EUR inkl. MwSt. an (Einzelpreis 6,90 EUR je Taschenbuch).

 

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Wenn Sie eine passende Umverpackung oder eine gesonderte Individualisierung suchen, lohnt sich ein Blick in dieses PDF-Dokument. Hier finden Sie hübsche Säckchen, weihnachtliche Geschenkkartons, ansprechende Dosen und individualisierbare Anhänger.

 

Unvergessene Weihnachten. Band 3 Zuhause  (Diese Geschichte wurde leicht gekürzt) von... mehr

Unvergessene Weihnachten. Band 3

Zuhause (Diese Geschichte wurde leicht gekürzt)
von Waldemar Siesing

Goslar am Harz, Niedersachsen; 20. Dezember 1949
Ein vorweihnachtlicher Tag, dieser 20. Dezember, wie es unzählige in einem Menschenleben gibt. Der Schnee fällt tanzend und leise aus den Ewigkeiten herab auf die Erde, ein rauher Wind weht, wie im Monat Dezember üblich, durch die Straßen. Der vor dem Bahnhofsgebäude stehende Weihnachtsbaum verströmt Wärme durch seine vielen Kerzen, die leuchtend anzeigen, daß die Festtage nicht mehr weit sind. Der Bahnhofsvorplatz, ja die ganze Kaiserstadt Goslar, will strahlend die Menschen begrüßen, die aus allen Richtungen mit dem Zug nach hier kommen. Auch mich, den Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft.
Der Zeiger der Bahnhofsuhr deutet auf die sechste Abendstunde, als ich den Zug, der mich von Friedland hierher gebracht hat, verlasse. Die ersten Schritte auf dem Bahnsteig in völliger Freiheit übermannen mich. Nur ganz langsam gehe ich weiter, wie schwebend, schließlich die Treppe hinauf zur Bahnhofshalle. Menschen hasten an mir vorbei. Manche schauen mich mitleidig an, andere registrieren mich gar nicht, und wiederum andere entbieten mir einen liebenswürdigen Gruß.
Ich nicke scheu zurück.
Die farbenfrohen Auslagen in den kleinen Geschäften im Bahnhof - die Bundesrepublik steckt noch in den Kinderschuhen - erwecken mein stärkstes Interesse, aber ich strebe dem Ausgang zu. Nervös suchen meine Augen die Umgebung ab, suchen meine Eltern, die ich von Friedland aus telegrafisch benachrichtigt habe, daß ich nach Hause komme. Ich spüre den Schauer, der über meinen Rücken läuft, höre mein Herz lauter als sonst schlagen, und ich fühle, wie sich Schweißperlen mit Freudentränen vermengen. Es kommt mir so vor, als liege ein Schleier auf meinen Augen. Die Vergangenheit, die Schmerzen beim Gehen - ich habe viele Geschwüre an Beinen und Armen -, meine körperliche Verfassung sind vergessen. Die Eltern nach vielen Jahren endlich wiederzusehen bläst alles Negative hinweg.
(…)
Die an mir vorbeilaufenden Menschen verunsichern mich immer mehr. Meine Eltern kann ich unter den vielen Passanten nach wie vor nicht entdecken. In diese für mich trostlose Situation steuert ein Beinamputierter sein Selbstbewegungsfahrzeug dicht an die Stufen, die zum Eingang der Bahnhofshalle führen, und spricht mich mit den Worten an, die ich im Leben nie mehr vergessen werde: "Kamerad, komm, ich bringe dich nach Hause."
Er bringt mich in die Wislicenusstraße 21, in das Haus, in dem meine Eltern und der Großvater wohnen. Zwei Kriegsramponierte an einem kalten Winterabend, einem Vorweihnachtstag, der im Grunde nichts Außergewöhnliches an sich hat. Für mich ist es der Tag, an dem ich zum zweiten Mal geboren werde.
Müde und abgekämpft schleppe ich mich die zwei Etagen nach oben zur Wohnung meiner Eltern. Mein Großvater empfängt mich mit stummem Entsetzen. Er findet keine Worte der Begrüßung, schaut mich nur fassungslos an, bis er nach einigem Gestotter herausbringt, daß meine Eltern am Bahnhof auf mich warten würden.
Schweigend sitzen wir uns dann am Tisch gegenüber. Großvater hat mich das letzte Mal gesehen, als ich zehn war und meine Sommerferien bei ihm in Stettin verbracht habe. Jetzt bin ich 27 und habe vier Jahre als Soldat und fünf Jahre Kriegsgefangenschaft hinter mir. Großvater ist 80 und für sein Alter quicklebendig. Was muß ihm durch den Kopf gehen, mich, seinen einzigen verbliebenen Enkel, in diesem Zustand zu sehen?
Endlich, nach langen, langen Minuten des Schweigens steht er auf und nimmt mich in seine Arme.
Ich bin Zuhause.
Dann Stimmen im Treppenflur. Bewohner aus den unteren Etagen haben meinen Eltern schon freudig mitgeteilt, daß ich oben in der Wohnung auf sie warte. Ich laufe ihnen, so gut ich es vermag, auf der Treppe entgegen und bleibe auf einer Halbetage vor den Eltern stehen. Alle Schmerzen und Strapazen, alle Schwachstellen des Körpers und des Herzens vergessend, halte ich meine vor Glück taumelnde Mutter in den Armen. Vor sechs Jahren habe ich sie zum letzten Mal in Magdeburg gesehen. Ein Sohn, mein jüngerer Bruder Wolfgang, war an der Westfront gefallen. Sie befürchtete, mich ebenfalls verloren zu haben, denn mein erstes Lebenszeichen aus der Kriegsgefangenschaft, eine Rote-Kreuz-Karte, erhielt sie erst Weihnachten 1946, für meine Mutter eine Ewigkeit des Bangens und Hoffens. Meinen Vater habe ich 1941 zum letzten Mal gesehen. Als Jugendlicher bin ich damals fortgegangen, als ausgemergelter junger Mann stehe ich jetzt vor ihnen.
Wir halten uns fest in den Armen, wollen uns nicht mehr loslassen, wollen in diesem Augenblick alles nachholen, was der furchtbare Krieg uns verwehrt hat. In den Freudentränen gehen alle Worte der Begrüßung unter.
Wie sie beim Abendessen erzählen, seien meine Eltern in der Bahnhofshalle immer auf und ab gegangen, hätten mich unter den vielen Menschen aber nicht gesehen. Ein späterer Blick in den Spiegel - während der Kriegsgefangenschaft habe ich nie einen Spiegel in der Hand gehabt - läßt vermuten, daß sie mich nicht erkannt haben. Mich dünnes Skelett, mehr vom Tode als vom Leben gezeichnet, das Gesicht voller Geschwüre und nur die verweinten Augen sprühen das Leben einer Jugend wieder, die durch alle Höhen und Tiefen dieser Zeit gegangen ist, sie sind trotz allem wach und hoffnungsfroh gestimmt.


Unheimlich groß und dünn - mein Vati!
von Renate Dziemba 

Berlin-Zehlendorf; 5. Dezember 1945
Es wurde schon dunkel an diesem Nachmittag des 5. Dezember 1945. Ich war allein zu Hause. Zu Hause?
Unsere Wohnung war gleich nach Kriegsende von den Amerikanern beschlagnahmt worden, Mutti und ich mußten sie innerhalb weniger Stunden verlassen. Wir besaßen fast nichts mehr. In ein winziges Zimmer wurden wir einquartiert. Hier wohnten wir jetzt schon fast ein halbes Jahr. Im Vergleich zu anderen Familien hatten wir großes Glück: Unsere Wirtin, die uns das Zimmer hatte abgeben müssen, war freundlich, sauber und hilfsbereit. So half sie uns zum Beispiel, zwei Luftschutzbetten, die sich noch im Keller befanden, übereinander aufzustellen. Wir hätten sonst auf der Erde schlafen müssen.
In dem viel zu engen Zimmer konnte man kaum treten. Gleich rechts neben der Tür war der Ofen. Daneben stand ein Klavier, das nur Platz wegnahm und von niemandem benutzt wurde. Die ganze linke Wandseite nahmen die Luftschutzbetten ein. Vor dem Fenster war gerade noch Platz für einen riesigen Schreibtisch und einen Ledersessel.
Ich saß in dem viel zu großen Sessel an dem viel zu großen Schreibtisch und machte meine Hausaufgaben. Joachim, der zwei Jahre ältere Sohn der Wirtin, war schon damit fertig und spielte mit anderen Kindern draußen im Gang vor den Häusern. Sie spielten wohl Verstecken. Das machte in der Dunkelheit besonders viel Spaß. Ab und an sah ich einzelne Gestalten den Gang entlanghuschen. Wo Mutti wohl so lange bleibt? Sie wollte doch nur zum Einkaufen in die Berliner Straße. Ob sie noch bis zum Teltower Damm gegangen ist? Oder hat sie vielleicht Bekannte getroffen?
In diesem Augenblick klingelte es. Ich hatte ein bißchen Angst. Wer konnte das sein? Mutti nimmt doch immer ihre Schlüssel mit. Da hörte ich Joachims Stimme: "Renate, mach mal auf, dein Vati ist da!"
Das wollte ich nun gar nicht glauben. Ich wußte von Mutti, daß er in einem Kriegsgefangenenlager war.
Ganz leise schlich ich zur Wohnungstür. Vorsichtig hob ich die Briefklappe hoch. Ich sah nur Beine. Da bückte sich Joachim auf der anderen Seite der Tür, so daß ich sein Gesicht sehen konnte, und wiederholte noch einmal: "Mach doch endlich auf, dein Vati ist da!"
Wenn doch bloß Mutti da wäre! Zögernd öffnete ich die Tür. Vor mir stand ein Soldat mit einem Holzkoffer in der Hand und einem Rucksack auf dem Rücken. Was ich sah, konnte ich nicht begreifen ... Zwar erkannte ich meinen Vati noch, und er sag-te auch meinen Namen, aber er wirkte recht fremd auf mich. Er war so unheimlich groß und so unheimlich dünn. Und dann fiel mir ein, daß wir in dem kleinen Zimmer, das für Mutti und mich schon zu eng war, überhaupt keinen Platz für ihn hatten.
"Mutti ist nicht da ...," waren meine ersten Worte.
Aber plötzlich begriff ich, daß da mein Vati vor mir stand, mein Vati, auf den ich so lange gewartet hatte. Ich umarmte ihn stürmisch und zog ihn in das kleine Zimmer. "Schau mal, Vati, ich kann schon schreiben und rechnen!"
Mit diesen Worten zeigte ich ihm meine Schulhefte, die noch immer auf dem Schreibtisch lagen. Er nahm mich hoch und drückte mich fest an sich.
In diesem Moment riß Mutti die Tür auf. Sie war völlig außer Atem und lachte und weinte und weinte und lachte. Im Milchladen hatte man ihr erzählt, daß in der Drogerie am S-Bahnhof ein Soldat nach einer Familie mit unserem Namen gefragt hatte. Dort lagen auch Listen mit den neuen Adressen der ausquartierten Familien aus. So hatte Vati uns gefunden. Was für ein Glück! Er war erst am 3. Dezember aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn entlassen worden. Mutti war den ganzen Weg vom Milchladen zurück nach Hause gerannt. Sie war so glücklich. Jetzt waren wir wieder eine richtige Familie!
Noch am Abend räumten wir mit Hilfe der Wirtin das Klavier aus dem Zimmer, stattdessen kam eine Chaiselongue an den Platz. Darauf schlief von nun an Mutti und mein Vati kletterte zum Schlafen auf das obere Luftschutzbett.
Den 5. Dezember haben meine Eltern von da an immer als Gedenktag gefeiert und sich gegenseitig mit kleinen Geschenken überrascht.


Die Puppen im Schrank
von Gisela Schoon

Konikow bei Köslin*), Hinterpommern; Dezember 1930
*) heute Konikowo bei Koszalin in Polen
Meine zwei Jahre ältere Schwester Annelie und ich gingen noch nicht zur Schule. Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Hinterpommern. Weil unsere Eltern immer viel Arbeit hatten, waren wir uns häufig selbst überlassen, was unserer fantasievollen und frohen Kinderzeit nicht schadete, im Gegenteil. Die Wochen vor Weihnachten waren besonders schön, geheimnisvoll und voller Vorfreude.
Eines Tages winkte mich Annelie in die gute Stube, die wir sonst nur zu Festtagen betraten. Der hohe Schrank, in dem unsere Eltern ihre Sonntagskleidung aufbewahrten, stand offen. "Komm, Gila, guck bloß mal!" flüsterte sie mit dem Finger auf dem Mund.
Ich sah in den Schrank und entdeckte hinter dunklen Mänteln zwei wunderschöne Puppengesichter. "Oh! Och!"
Wir standen ganz still vor freudigem Erschrecken und trauten uns nicht, sie zu berühren, und schon gar nicht, sie hervorzuholen. Wie kamen die Puppen da hinein? Ob sie wohl für uns waren? War etwa der Weihnachtsmann schon bei uns gewesen, und Mama hatte die Puppen verstecken sollen?
Etwas schuldbewußt ob unserer Entdeckung schlichen wir zurück in unsere Spielecke in der Eßstube. Am nächsten Tag zog es uns wieder zum Schrank. Der Schlüssel steckte, und wir standen wieder andächtig schauend vor unseren Puppen hinter den Mänteln. "Meine" Puppe, ich hatte mir die mit dem blonden Bubikopf ausgesucht, lächelte mich mit ihren strahlend blauen Augen schelmisch an. Ach, war ich glücklich! Ich taufte sie in Gedanken auf den Namen Susi.
Am dritten Tag standen wir vor einem verschlossenen Schrank ohne Schlüssel. Eifrig suchten wir nach ihm, jedoch vergeblich. Ob er wohl oben auf dem Schrank lag?
Das aber konnte Annelie auch mit einem herangezogenen Stuhl nicht nachprüfen, obwohl sie sich sehr streckte, sie reichte nicht hinauf. Enttäuscht gaben wir auf. Darüber zu sprechen wagten wir natürlich nicht.

Bild

Meine Schwester Annelie zieht mich auf dem Rodelschlitten. Im Hintergrund ist Opas Bienenhaus zu sehen.

Endlich war es Heiligabend. Als wir aus der Kirche kamen, liefen wir unseren Eltern voraus. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln. Aber alle Eile half nichts, wir mußten warten. Der Weihnachtsmann brauchte in der guten Stube noch einige Zeit.
Endlich, endlich öffnete Mama die Tür! Der brennende Lichterbaum, buntgeschmückt, reichte vom Boden bis zur Decke. Und darunter lagen mit glänzendem Papier verpackte Pakete und Päckchen. Doch dafür hatte ich keinen Blick. Ich suchte die Puppen unter dem Baum und sah sie nicht. Tiefes Erschrecken erfaßte mich. Kaum gelang es mir, mein Gedichtchen aufzusagen. Dann durften wir die Geschenke auspacken. Ganz versteckt unter buntem Papier fand ich, was ich so sehnsüchtig gesucht hatte. Ich schloß meine Susi in die Arme, um sie den ganzen Abend nicht wieder loszulassen.
Unsere Eltern sahen uns lächelnd zu. Heute denke ich, daß sie aufmerksam beobachtet haben, ob wir richtig überrascht waren. Die zufällige Entdeckung der Puppen im Schrank blieb unser Geheimnis.

Bild Die Weihnachtspuppen bekamen ein Jahr später Sportkarren, in denen wir sie hier vorführen. Meine Schwester Annelie, links, und ich vor dem Giebel unseres Elternhauses in Konikow, Hinterpommern.


Das Weihnachtsgeschenk
von Babette Reineke

Görmar bei Mühlhausen, Thüringen; 1943
Wir schrieben das Kriegsjahr 1943. Dieses Jahr hatte uns den Vater genommen, oder waren es die Russen gewesen? Jedenfalls deckte ihn seit einigen Wochen russische Erde zu. Mutter ging es wie so vielen in jener Zeit: Sie stand mit uns drei unmündigen Kindern allein da. Es war für uns alle eine traurige Zeit und trotzdem wurde es Weihnachten!
"Wir werden nur einen Tannenzweig schmücken", sagte Mamusch, "und überhaupt wird der Weihnachtsmann kaum etwas zum Bringen haben!"
Ich konnte das gut verstehen, denn aus der Schule wußte ich, daß alle Güter an der Front gebraucht wurden. Mit Phantasie und bescheidenster Zutaten gab es dennoch genug Heimlichkeiten in der Weihnachtszeit.
Es gab aber auch, besonders in den Nächten, Fliegeralarm. Dann mußten wir unser warmes Bett mit dem kalten Kohlenkeller tauschen. Unser Kinderzimmer stand längst schon leer, fühlten wir uns doch im elterlichen Schlafzimmer, so nah bei Mutter, geborgener. Sie hatte Brüderleins "Gatterbett" herübergeholt, das Baby schlummerte in seiner Wiege und ich selbst im Ehebett auf Vaters Seite - bis Heiligabend. Eine unerklärliche Sehnsucht nach meinem Kinderbett erfaßte mich. Erinnerung an vergangene Weihnachten, als Pa' solch tolle Einschlafgeschichten erzählte?
Wie dem auch sei, ich begab mich am Heiligen Abend ins Kinderzimmer und in mein angestammtes Bett. Mit meinen elf Jahren glaubte ich zwar nicht mehr an den Weihnachtsmann, dennoch an irgendeine kleine Freude, die der Weihnachtsmorgen bringen würde. Man muß wissen, daß in Thüringen erst dann Bescherung ist, und daß schon vor Tag. Punkt 5 Uhr nämlich rufen die Glocken zur Christmette, somit haben daheim Knecht Ruprecht oder das Christkind freie Bahn.
Nun lag ich endlich wieder in den eigenen Federn, ganz schön klamm und kalt waren sie. Das Fußende war an einer Ecke hochgeschoben, und die Tür stand fast immer offen. Kein Wunder, daß die Kälte reingekrochen war! - Brrrr! - So langsam kroch sie auch in mir hoch und ich kroch um so tiefer unter das dicke Federbett.
Horch! War da nicht eben ein verhaltenes Weinen?
Sollte es vom Schwesterchen nebenan gekommen sein?
Unmöglich für mich, es zu hören, steckte ich doch bis über die Ohren und zusammengerollt wie ein Igel in meinem Nestchen! Nun wurde mir schon wärmer. Wohlig streckte ich meine Füße aus, doch wie von einer Tarantel gestochen, zog ich sie sogleich wieder zurück. Was in aller Welt war das?
Da war etwas Warmes, Weiches gewesen und bewegt hatte es sich auch. Mir sträubten sich die Nackenhaare!
War dies ein böser Traum?
Doch da war es wieder, dieses leise Wimmern, und es kam just vom Fußende meines Bettes!
Vor Aufregung zitternd schlug ich die Bettdecke zurück und erblickte, eng aneinandergeschmiegt, fünf fiepende Katzenbabys. So hilflos und verlassen waren sie und anscheinend sehr hungrig. Mich dauerte dieser jammervolle Anblick. Minka! schoß es mir durch den Sinn. Nur sie konnte die Mutter der Kleinen sein! Wo steckte sie, unsere getigerte Hauskatze, der Schrecken aller Mäuse?
Just in diesem Moment war ein leises Kratzen an der Tür zu hören und Minkas klägliches "Miaaau". Hurtig ließ ich sie ein: "Du weckst ja noch das ganze Haus, Minkemau! Und überhaupt, was hast du dir dabei gedacht? Für uns alle ist das Bett nicht groß genug!"
Minka schaute mich nur grünäugig an und sprang sofort zu ihren Jungen aufs Bett. "Miaumaumau", machte sie und betrachtete wohlgefällig ihre schmatzend an ihr saugenden Winzlinge. Es war schon ein erhebender Anblick und nur die Kälte, die höchst unangenehm meine nackten Beine mit einer Gänsehaut überzog, vermochte mich davon loszureißen.
"Na gut, weil Weihnachten ist!"
Leise schlich ich aus dem Zimmer und überließ Minka samt Nachwuchs das Feld. Danke, Sammetpfötchen, für ein wundervolles Weihnachtsgeschenk, wie ich es nie wieder bekommen habe!


Meine Rosa
von Editha Feuser

Küllstedt, Eichsfeld, Thüringen; 1926
Weihnachten wurde in meiner Kindheit im Eßzimmer gefeiert, das wir sonst nur benutzten, wenn wir Besuch bekamen. Der Eßtisch, der in der Mitte des Zimmers stand, wurde ausgezogen, so daß das Christkind, an das ich mit elf Jahren noch glaubte, Platz für die Geschenke hatte. Der Tisch war festlich gedeckt mit Tellern voller Süßigkeiten, jedoch weitaus bescheidener, als es heutzutage üblich ist. Jedes Teil war akkurat nebeneinander platziert, obenauf lagen die bunten Fondantkringel, die wir Kinder so sehr liebten. Die Geschenke, die das Christkind bescherte, waren vor allem Kleidungsstücke oder später Dinge für die Schule, was man eben so brauchte.

Bild

1926 zu Besuch bei der Großmutter in Mönchengladbach. Rechts neben meinem Cousin und den beiden Cousinen stehe ich.

Wenn das Christkind klingelte, mußten wir Kinder erst ellenlange Gedichte vor dem Weihnachtsbaum stehend vortragen und eine unendlich lange Reihe Lieder singen. Dabei versuchten wir, heimlich auf den Gabentisch zu schielen; denn das Christkind brachte für jeden auch ein Spielzeug. Ich wußte, daß jedes Jahr eine liebe Tante, eine Schwester meiner verstorbenen Mutter, eines für mich "bestellt" hatte.
An jenem Weihnachtsfest war meine Freude besonders groß. Bei der Bescherung glaubte ich zu träumen: An meinem Platz saß eine wunderhübsche, große Puppe. Bisher hatte nur meine jüngere Schwester Irmgard Puppen bekommen. Ich durfte zwar auch damit spielen, aber nur zusammen mit meiner Schwester, hieß es, das war nicht dasselbe. Diese Puppe hier gehörte mir ganz allein.
Überglücklich schloß ich sie in die Arme. Die Puppe hatte einen wunderschönen Porzellankopf mit großen Schlafaugen und gutriechenden, echten Haaren, und sie trug ein rosarotes Organdykleidchen. Und so nannte ich sie "Rosa".
Am liebsten wollte ich meine Rosa gar nicht mehr loslassen. Abends nahm ich sie mit in mein Zimmer und setzte sie neben mein Bett auf den Nachttisch.
Doch eines Nachts - oh Schreck! - fiel Rosa hinunter, und der schöne Porzellankopf wurde beschädigt. Ich war untröstlich. Aus Angst vor meinen Eltern versteckte ich die Puppe ganz unten in meinem Kleiderschrank.
Vergessen konnte ich Rosa aber mein ganzes Leben nicht, so sehr hatte ich um sie getrauert. Sie war die einzige Puppe, die ich je geschenkt bekam.

Bild Das ist meine zweite Rosa. Abgesehen vom weißen Kleid, gleicht sie der alten aufs Haar.

Als Puppenfan besitze ich heute mehrere schöne Exemplare. Vor zehn Jahren, als ich 75 Jahre alt wurde, erlebte ich ein kleines Wunder: Auf einer Puppenbörse entdeckte ich sie: genau dasselbe hübsche Bubiköpfchen wie damals meine geliebte Rosa! Nur trug diese Puppe ein weißes Kleidchen mit schöner Stickerei.
Auf meine Frage, wie alt die Puppe sei, sagte mir der Verkäufer, sie stamme wahrscheinlich aus dem Jahre 1921. Später erfuhr ich‚ daß es eine Armand-Marseille-Puppe ist.
Seitdem sitzt diese Puppe auf meiner Couch, und ich liebe sie genauso, wie ich als Kind meine Rosa geliebt hatte.

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