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Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 4

Weihnachtsbuch Unvergessene Weihnachten Band 4

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Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten " sind stimmungsvolle Firmengeschenke zum... mehr

Die Weihnachtsbücher "Unvergessene Weihnachten" sind stimmungsvolle Firmengeschenke zum Nikolaus, für die Adventszeit und zu Weihnachten.

Dieses Band lässt spannenende Erinnerungen aus besseren und schlechteren Zeiten aus den Jahren 1923-1994 wiedererleben.

Die Erinnerungs- und Lesebücher aus dem Zeitgut Verlag sind perfekte Weihnachtspräsente für Mitarbeiter und Kunden. Mit hunderten von Weihnachtsgeschichten und Weihnachtserinnerungen geben sie genug Lesestoff zum Schmunzeln, zum Anrühren und Nachdenken. Sie zeigen das pralle Leben des letzten Jahrhunderts.

 

Weitere Infos:

192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Taschenbuch

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Alle 10 Taschenbücher aus der Weihnachtsbuch-Reihe "Unvergessene Weihnachten" bieten wir auch in einem schönen Schuber zum Vorzugspreis von je 59,00 EUR inkl. MwSt. an (Einzelpreis 6,90 EUR je Taschenbuch).

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Unvergessene Weihnachten, Band 4 Heiligabend 1944 bei den Großeltern von Felicitas... mehr

Unvergessene Weihnachten, Band 4

Bild

Heiligabend 1944 bei den Großeltern von Felicitas Schulz (die Kleine im karierten Kleid). Glücklich über die Geschenke sitzen die Enkelkinder vor dem Tannenbaum und lauschen aufmerksam der Erzählung des Großvaters.

„Det Christkind is der Palast-Maxe“
Hans Döpping

Berlin; 1954
Es war in Berlin, wo ich für einige Monate im Außendienst meiner Firma tätig war. Ich hatte ein Zimmer in der Pension von Elisabeth Kopmann, einer resoluten und sehr patenten Frau. Ihr Lieblingsausdruck war: „Ach, Jotte ooch!“, und das drückte ihr großes Erbarmen für alle Welt aus.
Neben mir wohnte Frau Bräutigam, eine junge Lehrerin, die noch auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung war. Mit beiden Frauen wechselte ich oft heitere Worte.
In der Zeit vor Weihnachten klopfte Frau Bräutigam an meine Tür. Sie wollte mir etwas zeigen, und so gab sie mir wortlos und lächelnd ein aufgeschlagenes Schulheft und tippte mit dem Finger auf einige Zeilen. Sie waren sauber geschrieben, und so las ich: „Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe!“
Frau Bräutigam hatte die Kinder ihrer 3. Klasse aufschreiben lassen, wie sie sich das Christkind vorstellen. Dafür durften sie schreiben, wie der Schnabel gewachsen war. So las ich die Zeilen mehrmals, und mein Mund wurde dabei immer breiter. Ich rezitierte gar den Text und lachte Frau Bräutigam an. Dann klappte ich das Heft zu und las den Namen des Besitzers „Willi Stange, Klasse 3“ auf dem Umschlag.
In dem Moment klopfte Frau Kopmann, brachte meine Post und fragte, ob sie mitlachen könnte. So kam es, daß wir bei einer Tasse Kaffee saßen und Frau Bräutigam die Christkindgeschichte erzählte, die sie durch Willis Mutter Liesbeth Stange erfahren hatte:
„Palast-Maxe“ war der ehrenwerte Maurermeister Maximilian Jahne. Er hatte ein arbeitsreiches Leben hinter sich und es zu einigem Wohlstand gebracht. Jedenfalls gehörte ihm ein vierstöckiges Mietshaus. „Un det is mein Juwehl“, pflegte er zu sagen.
So kümmerte er sich auch um dieses gute Stück und hielt Ordnung in allem. An jedem Ersten im Monat klingelte er bei seinen Mietern, kassierte die fälligen Abgaben und quittierte das jedem im Mietbuch. Auch kontrollierte er, ob die Treppe gebohnert und der Flur naß gewischt worden war.
„Un Fahrräder jehörn in’n Keller!“ hatte er angeordnet, „un nich in’n Flur, wa!“ Und weil Jahne auch seinen Stolz über sein Haus zeigte und die Ordnung darin pries, brachte ihm das den Beinamen „Palast-Maxe“ ein.
Liesbeth Stange aber war mit der Miete seit einigen Monaten in Verzug geraten. Sie wohnte mit ihren drei Kindern Horsti, Hildchen und Willichen schon einige Jahre im vierten Stock von Maximilian Jahnes Haus und hatte stets pünktlich bezahlt, was Herrn Jahne zustand. Jetzt aber konnte Liesbeth nicht mehr zahlen, denn das Geld fehlte, weil Berti Stange, Liesbeths Mann und der Vater der drei Kinder, im Kittchen saß. Da konnte er „keene Piepen“ mehr nach Hause bringen. Der „Blödmann“ hatte sich doch „in sein Suffkopp“ zum Mausen verleiten lassen und war dabei erwischt worden. „Denn war er det heulende Elend. Awer da war ’t zu spät.“
Liesbeth bemühte sich nach Kräften, mit den Kindern über die Runden zu kommen, aber das, was sie als Aushilfe beim Pferdemetzger gleich um die Ecke und durch Putzarbeiten verdiente, reichte nicht. – So ein schönes und weites Sozialnetz, wie wir es heute haben, gab es noch nicht. Und Berti hatte noch länger zu brummen. – Nun war Liesbeth schon vier Monate mit der Miete im Rückstand. Der Erste des Monats stand wie ein drohender Riese vor ihr, und das so kurz vor Weihnachten. Jahne würde bald an ihre Tür klopfen, ach du liewer Jott ...
Und dann stand Jahne wirklich in der Tür: ein breiter Kerl mit straffem Bauche, der seine Melone nur in den Nacken schob. Er begrüßte Liesbeth und nickte den Kindern zu. Liesbeth wischte mit der Schürze über einen Stuhl.
Jahne nahm den Hut ab und legte ihn auf den Stuhl. „Ne, lassen Se man, bei Ihn’ n kick ick ma jerne um, ham allens propper. Nu ja, Se wissen ja, weswejen ick jekomm’n bin.“
Natürlich wußte Liesbeth das und sie entgegnete, daß ihr deswegen schon seit drei Tagen schlecht sei.
Nun nahm Jahne doch Platz. Die Kinder standen schüchtern im Zimmer, auf einen Wink der Mutter sollten sie sich verdrücken. Aber Jahne meinte, die sollten auch wissen, was los sei, und er bat Liesbeth, das Mietbuch zu holen. Die junge Frau ging zum Küchenschrank und kramte hinter den Tellern. Jahne wandte sich an die Kinder und versuchte zu ergründen, wer von den Zwillingen Horst und wer Willichen sei. Mit zitternder Hand reichte Liesbeth Jahne das Mietbuch.
Dieser blätterte darin und nickte. „Is ja allet in de Reihe bis dahin, wo Papa uff Reisen jejang’n is. Awer denne is Leere in’t Weltall! Wat mach’n ma nu? – Da schtehn ma nu alle Finfe un ham von Tuten un Blasen kee’n Dunst. Un Schterndaler pinkelt det ooch keene.“
Jahne stand auf und ging einige Schritte auf und ab. „Nu setzen Se sich ooch ma hin, Frau Stange, des beruhicht!“
Dann zückte er kurzentschlossen seinen Füller, setzte sich an den Tisch und quittierte im Mietbuch die rückständige Miete: „Aujust – erhalten, September – erhalten, Oktower – erhalten, November – erhalten, Dezember – ooch erhalten. Na ja, kommt ja bald der Januar – da quittier ick ma eene Vorauszahlung. So, muß noch trocknen, det Märchenbuch.“
Jahne blies auf die Tinte und reichte Liesbeth das Mietbuch zurück. Die starrte auf die Quittungen und war fassungslos: „Herr Jahne, aber Herr Jahne, awer det kann doch nich allens ...“
„Oh, doch“, Jahne putzte seine Brille und hauchte sie an. Er wolle Stanges als Mieter behalten, denn da wußte er, was er hatte. „Eene bessere Mieterin als wie Sie kann sich een Hauswirt jar nich denken. Ick seh det wohl, wie Se Ihre Treppe bohnern. Da jlänzt mir ja de Seele mit, un wenn Se den Flur jemachd ham, denn sin sojar de Bazilln uff Völkerwanderung jejang’n. Det seh ick allens. Und wenn ick de Aborte nachgucke uff de halbe Treppe, denn riech icke förmlich, det Se hier Hand anjeleecht ham. Da kann sojar een Kaiser druffjehn oder ’ne Subrette. Der Herr Berti hat ooch ohne Federlesen zujepackt, wo ’t nötisch war.“ Er lobte auch die Kinder, die immer höflich „Guten Tag“ sagten.
„Also, det is det Eene. Nu ha ick noch wat for euch.“
Jetzt erfuhr Liesbeth, daß Nuschke aus dem Parterre, der so eine Art „Hausknecht“ oder wie die Franzen sagen „Konzieersche“ gewesen war, ausziehe. Da könnten sie einziehen und Frau Stange könne das Regiment übernehmen. Die Miete sei nicht höher als oben und es gäbe noch einen gehörigen Abschlag für die Arbeit. „Bis der Papa von de Montaasche kommt, mogeln mer uns schon durch.“ Auch in seiner Wohnung müsse zweimal in der Woche reinegemacht werden. Sie solle sich das überlegen. Dann wünschte er eine gute Vorweihnachtszeit und verschwand.
Liesbeth Stange saß und starrte vor sich auf den Tisch. Dann verfiel sie in Lachen und Weinen zugleich. Sie drückte die Kinder nacheinander und wischte die Tränen mit ihren Händen in die Schürze. Und dabei soll sie geflüstert haben: „Det war det Christkind, det Christkind war det.“
Wie immer nun das „der kleene Willi“ verstanden hatte, er schrieb es auf: „Det Christkind is schon älter, hat een Bauch, eene Jlatze, eene joldne Brille un heeßt Palast-Maxe.“


Mein Weihnachtsvergnügen
von Romano C. Failutti

Rinteln/Weser, Kreis Schaumburg, Niedersachsen;Weihnachten 1994
Dieses Jahr kam ich lange nicht in diese zauberhafte vorweihnachtliche Stimmung. Obwohl alle dafür notwendigen Utensilien – vom Adventskranz bis zu diversen Räuchermännchen – aufgebaut waren und ich sogar den Recorder im Auto mit Weihnachtskassetten fütterte, um mich auf diese Weise entsprechend einzustimmen, es packte mich nicht wie früher.
Ob‘s an dem warmen Wetter lag, das sogar die Gänseblümchen hervorlockte, an der allgemeinen Hektik, den Horrormeldungen aus der ganzen Welt von Kriegen und Gewalttaten, Gemeinheiten in nah und fern?
Bekanntlich kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Ob‘s daran lag?
Oder verdarb mir dieser rosa eingefärbte Plastikweihnachtsrummel, der immer mehr über den großen Teich zu uns hereinschwappt, die Vorfreude auf das große Fest?
Also, dieses Jahr war ich wohl ziemlich stimmungsresistent. Lag‘s daran, daß man älter geworden ist und die Tochter aus dem Haus ist?
Aber so abrupt?
Na, es läßt eben mit der Zeit alles nach. Stimmt aber auch nicht ganz. In Manchem bin ich sogar verrückter geworden, zum Beispiel im Notizenmachen. Ich notiere alles! Und ich räume viel auf!
Aber nicht alles, nee, nur was mir Spaß macht. Das jedoch voller Leidenschaft. Meine Marianne behauptet allerdings, ich würde überhaupt nicht aufräumen. Ich stellte alles, was ich in die Hand nähme, nach eingehender und langwieriger Betrachtung von einem Platz auf den anderen. „Was willst du? Ich bin eben ein kontemplativer Mensch“, verteidige ich mich dann.
Und sie spottet: „So kann man das auch nennen. Aber ich sehe in dir mehr den Chaoten.“
Immerhin, die Stimmung kam doch noch, wenn auch spät, als ich vor dem Fest ein paar Urlaubstage nahm, mich in meine alten Klamotten warf, mir eine liebliche Weihnachtsmusik auf den Plattenteller legte und mich meinen Bücherschränken widmete. Ich gebe zu, ich traf auf eine Anzahl langvermißter, lieber alter Freunde, in denen ich erst ein wenig herumschmökern mußte, einige auch aussortierte, um ihnen später noch intensivere Aufmerksamkeit angedeihen zu lassen, was sich in neuen Stapeln manifestierte und meine Frau, die ihren Weihnachtsputz vorantreiben wollte, in die Nähe eines Nervenzusammenbruchs brachte. Dafür wollte ich ihr ja ein Fläschchen „Frauengold“ unter den Weihnachtsbaum legen. Als Aufbaumittel, damit sie es mit mir aushielt.
„Solche Stapel hast du voriges Jahr um diese Zeit auch aufgebaut, um dich ihnen dann besonders zu widmen“, zeterte sie, „und dann bist du nicht hindurchgekommen, und manche stehen heute noch da! Seit damals!“
„Ich bringe das alles wieder in Ordnung“, versprach ich. „Während der Feiertage ist doch Muße, alles zu ordnen.“
„Das ist es ja! Du tust es mit Muße, das heißt, du verzettelst dich!“
„Wie wenig du doch von mir weißt!“ schmollte ich beleidigt. „Ich beschäftige mich im Gegenteil sehr intensiv mit meinen Dingen. Ich bitte dich, mir meine Weihnachtsfreude nicht zu verderben. Du weißt, ich mache das seit über 25 Jahren so.“
„Und ich leide seit 25 Jahren darunter“, stöhnte Marianne, „und immer in der Weihnachtszeit! Du schaffst es einfach nicht, deine Bücher zu ordnen, wie du es dir immer vornimmst. Du bleibst an ihnen hängen!“
„Meine Güte! Das ganze Jahr renne ich herum, wie ein Irrer. Nun gönne mir doch wenigstens diese paar Tage!“
„Ich gönne sie dir ja, aber bist du nicht selber enttäuscht, wenn die Zeit vergangen ist und du gar nichts von dem geschafft hast, was du wolltest?“
„Was wollte ich denn?“, fragte ich dumpf.
„Na, aufräumen, deine Bücher ordnen und mal entstauben!“
„Das mach ich schon! Das bekomme ich nebenbei hin! Doch sieh mal, wenn du einen guten Freund triffst, dann sprichst du erstmal mit ihm, und dann erst klopfst du ihm den Staub ab, wenn er sich schmutzig gemacht hat. Du gehst nicht bloß auf ihn zu, entstaubst ihn und läßt ihn laufen!“
„Das ist kein Vergleich!“, wurde meine Marianne jetzt laut, und ich konnte sie gut verstehen. „Wenn du wenigstens in deinem Zimmer bliebest mit deinen Papierhaufen ...“
„Was heißt hier ,Papierhaufen’? Das sind Werke großer Geister!“
„... aber du nimmst die ganze Wohnung damit in Beschlag!“
„Haben wir dieses Thema nicht schon seit Jahren immer um diese Zeit?“
„Eben, eben! Langsam reicht es! Ich will auch mal wie andere Leute unterm Weihnachtsbaum sitzen und nicht immer bloß eingerahmt von meterhohen Bücherstapeln, rechts, links, vorn, hinten …!“
Sie wird sich wieder beruhigen, denke ich. Und ich werde ihr dafür sogar zwei Flaschen „Frauengold“ auf den Gabentisch legen. Dazu habe ich mich fest entschlossen. Schließlich war ich jetzt endlich in der richtigen Stimmung.


Der Weihnachtshase
Hilde Flexbei

Reichenau, Niederschlesien, heute Polen; Anfang der 40er Jahre
Es war an einem Heiligabend, als Großmutter nörgelte: „Heute wird’s wieder mal überhaupt nicht Tag. Alles grau in grau.“ Sie war ärgerlich. Zweimal schon hatte sie Großvater zum Frühstück gerufen.
„Ja, ja, ist gut!“ sagte er und ließ sie warten. Es blieb unklar, ob er seine Frau beschwichtigen wollte oder den Hund, den er eben gefüttert hatte. Er strich dem Hund noch einmal über das Fell und band ihm das Halsband um. Die Stubentür klinkte der Hund alleine auf, das konnte er gut. Er war rein närrisch vor Freude, daß es nach draußen ging. Großmutter hörte, wie ihr Mann die Haustür aufschloß. Der Hund schoß in den Garten, drehte sich ein paarmal um sich selbst, lief zum Haus zurück in der Erwartung, Großvater würde ihm folgen. Der winkte ab. Das verstand der Hund. Er verschwand im Nebel.
Da Großmutter einmal beim Nörgeln war, konnte sie nicht aufhören: „Mußt du den Hund dauernd stromern lassen!“
Großvater rückte sich umständlich auf der Ofenbank zurecht, wartete, bis Großmutter Kaffee eingegossen hatte und sagte: „Der geht nicht weit.“
Großmutter bezweifelte das. Als sie vor Jahren beschlossen hatten, einen Hund zu kaufen, hatte Großmutter zur Bedingung gemacht: einen kleinen. Sie hatte dabei so in etwa an einen Zwergrehpinscher gedacht. Dann schleppte Großvater den drei Monate alten Schäferhundwelpen an. Sie hatte sich dagegen verwahrt. Einem kleinen Hund habe sie zugestimmt. Großvater belehrte sie: „Das ist noch ein ganz kleiner. Du wirst dich wundern, wenn der ins Wachsen kommt.“
Das tat sie denn auch.
„Eines Tages fängt er noch an zu wildern“, äußerte Großmutter ihre Bedenken.
Großvater schnitt bedächtig mit dem Taschenmesser die Flechtsemmel in Stücke, die Kruste splitterte. „Mein Hund Mali wildert nicht!“
Großmutter hielt es für angebracht, das Thema zu wechseln. Ihr kam gelegen, daß vor dem Gartentor ein Motorrad hielt. „Der Nachbar bringt die Schlüssel.“ Großmutter war aufgestanden. Über den Gartenzaun hinweg nahm sie dem Nachbarn die Schlüssel ab. „Du hast dich also doch entschlossen, zu den Kindern zu fahren. Das machst du recht.“
„Wenn’s Wetter gerade noch so ist“, meinte der Nachbar, „es kann jeden Tag schneien. Morgen vormittag bin ich zurück. Ich habe am Kaninchenstall die äußere Tür einen Spalt offengelassen, sei so gut und schließ abends ab.“
„Mach ich.“ Großmutter sah ihm nach, bis er hinter der Waldecke verschwunden war.
Während sie in der Küche schaffte, versuchte Großvater im Keller, die krumme Fichte hinzubiegen, damit sie ihm als Weihnachtsbaum keine Schande mache.
„So ein Krüppel“, murmelte er, „wäre ich nur bei Tage in den Busch gegangen oder hätte besser hingesehen.“
Großmutter stand wie erstarrt am Fenster: „Der Hund ...“
Da sah auch Großvater das Unheil. Im Vorgarten tobte der Hund mit einem Fellbündel umher, er beutelte es, schlug es sich um die Ohren, verbiß sich darin. „Jesses!“
Großvater hatte erkannt, daß das verdreckte Bündel, mit dem der Hund sich vergnügte, ein Kaninchen war.
„Von wegen, der wildert nicht“, schlußfolgerte Großmutter.
Großvater sperrte den Hund in den Schuppen. Das tote Kaninchen wollte er auf den Küchentisch legen.
„Um Himmelswillen!“ entsetzte sich Großmutter. „Es kann doch tollwütig sein!“ Sie packte alle greifbaren Zeitungen darunter.
„Nee“, behauptete Großvater, „tollwütig ist das nicht. Es ist der Zuchtrammler vom Nachbarn.“
Er hatte die Tätowierung im Ohr erkannt. Da war guter Rat teuer. Stumm saßen sie zu beiden Seiten des Tisches, zwischen ihnen – ebenso stumm – lag der Weihnachtshase. Da hatte ihnen der Nachbar Hab und Gut anvertraut und ausgerechnet durch sie kam er um seinen besten Blauen Wiener. Wie sollten sie ihm das nur beibringen?
Sie konnten sich ja mit dem Hund herausreden, aber das machte den Kaninchenmord nur noch komplizierter. Inzwischen hatten sie sich überzeugt, daß am Kaninchenstall außer der äußeren Tür auch die Tür zur Box offenstand. Die Box war leer. Wie denn auch nicht!
„Was mußtest du dem Hund beibringen, Türen zu öffnen“, warf Großmutter ihrem Mann vor.
„Hab’ ich nicht, da ist er von ganz allein drauf gekommen“, verteidigte sich Großvater.
„Mit meinem Rehpinscher wäre uns das jedenfalls nicht passiert!“ Diese kleine Genugtuung gönnte sich Großmutter.
Dann hatte sie eine Idee. Sie gingen ans Werk. Sie wuschen und putzten und striegelten das verschmutzte Kaninchen, das unter der derben Behandlung des Hundes arg gelitten hatte. Es war eine üble Tätigkeit, die Großmutter zweimal unterbrechen mußte.
Es begann zu dunkeln, als sie den Stallhasen zurücktrugen und ihn vorsichtig in seine Box setzten. An die hintere Wand gelehnt, den Kopf manierlich auf den Vorderpfoten, schien es, als blicke er dem Betrachter entgegen.
Am Abend hielt Großmutter dem Hund einen längeren Vortrag. Da sie dabei aber mit seiner Heilig-Abend-Leberwurst fuchtelte, wedelte er freudig mit dem Schwanz. Seine Welt war in Ordnung.
Über Nacht hatte es geschneit. Gegen Mittag sah Großmutter den Nachbarn kommen, hörte, wie er vor der Haustür den Schnee von den Füßen trat. „Karl!“ rief sie und dieser kam auch sofort. Er ließ sich in der Küche auf einen Stuhl fallen.
„Ich brauch’ einen Schnaps!“ stöhnte er. Nach dem dritten war er endlich in der Lage, über das zu sprechen, was ihn hergetrieben hatte. „Ihr werdet es nicht glauben, das kann auch kein Mensch verstehen! Gestern ist mir mein Zuchtrammler eingegangen, und ich habe ihn, ehe ich weggefahren bin, schnell noch vergraben. Unter den Johannisbeerbüschen. Und heute morgen – ja, bin ich denn noch normal?! – heute morgen sitzt er wieder im Stall!“
Jetzt brauchten auch Großvater und Großmutter einen Schnaps. Ihnen wurde schlagartig klar, daß der Hund das tote Kaninchen ausgebuddelt hatte und daß sie beide den schon begraben gewesenen Blauen Wiener geputzt und gestriegelt hatten. Großmutter mußte sich zurückziehen. Ihr wurde übel.
Als der Nachbar zwischen Korn und Bier Luft holen konnte, fuhr er fort: „Aber das ist ja noch nicht das Schlimmste! Der Kerl hat auch noch abgeschlossen hinter sich! Die Box war zu.“
„Na ja“, meinte Großvater bedächtig, „wir sind in den Zwölfnächten, da geschieht schon manchmal Wunderliches, aber ...“ Er kam an diesem Weihnachtsfeiertag nicht mehr dazu, weitere Erklärungen zu geben. Die Flasche mit dem Korn war leer und der Nachbar voll.


Wie wir Weihnachtsbäume „organisierten“
von Ingrid Fimmel

Berlin-Grunewald; 1945
Die erste Friedensweihnacht nach dem Krieg! Alle Waffen schwiegen nun schon seit einigen Monaten. Trotzdem waren es immer noch entbehrungsreiche Zeiten. Ich absolvierte das zweite Jahr meiner Ausbildung zur Krankenschwester im Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin-Grunewald und arbeitete derzeit auf einer Inneren Männerstation.
Am 21. Dezember sagte unsere Oberschwester: „Kinder, in drei Tagen ist Weihnachten, und wir haben noch keine Weihnachtsbäume für unsere Krankenzimmer!“
Weihnachten wurde in diesem konfessionellen Haus immer besonders festlich und stimmungsvoll begangen. Jede Station schmückte ihre Räume so schön wie möglich. Auf allen Fluren hingen große Herrnhuter Adventssterne, und in jedem Patientenzimmer stand ein kleiner Weihnachtsbaum. Nur in diesem Jahr konnte man nirgendwo auch nur das kleinste Bäumchen auftreiben, und der Grunewald war kahlgefegt. Unsere Oberschwester hatte eine „zündende“ Idee. Eine zweite Schwesternschülerin, ein Pfleger und ich bekamen einige Matratzenschonbezüge, ein kleines Beil, ein Knäuel „Strippe“ – wie der Berliner Bindfaden nennt – und ein paar Groschen Fahrgeld in die Hand gedrückt und gesagt:
„Ihr drei fahrt heute nachmittag mit der S-Bahn hinaus in Richtung Potsdam und seht zu, daß ihr in einem Waldstück mindestens zehn Tannenbäume ergattern könnt, die ihr in diesen Schonbezügen möglichst unauffällig ins Krankenhaus bringt.“

Bild Zwar hingen auch vor Weihnachten 1945 wieder auf allen Fluren unseres Krankenhauses die großen Herrnhuter Adventssterne, aber ein Christfest ohne Weihnachtsbäume konnten wir uns nicht vorstellen.

Wir mußten mit der Berliner Stadtbahn vom britischen Sektor Berlins in die russisch besetzte Zone fahren. Das war 1945 kein Problem. Die russischen Soldaten kontrollierten aber gelegentlich das Gepäck der Reisenden. Wir stiegen an einer kleinen S-Bahn-Station aus, die uns verheißungsvoll erschien. Doch die Bäume, die wir hier sahen, waren alle viel zu groß, um mit unserem kleinen Beil gefällt zu werden. Nach längerem Herumwandern gelangten wir zu einer kleinen Schonung. Dort lag – oh Wunder! – ein ganzer Stapel kleiner gefällter Kiefern. Es waren zwar nicht die gewünschten Tannen, aber besser als gar nichts!
Jetzt mußten wir ganz schnell handeln, denn wir wollten doch nicht erwischt werden!
Meine Mitschwester protestierte: „Das ist doch Diebstahl! Mein Vater ist Rechtsanwalt.“
Aber sie wurde überstimmt und wir packten in Windeseile zwölf Bäumchen ein, und ein besonders kleines steckte ich für mich mit ein. Wir hatten Glück und kamen wohlbehalten, ohne Kontrolle, im Krankenhaus an. Unsere Oberschwester war zwar etwas enttäuscht, weil es „nur“ Kiefern waren, aber als am Heiligen Abend in jedem Krankenzimmer die geschmückten Bäumchen aufgestellt und die Lichter angezündet waren, strahlten die Augen unserer Patienten mit den Kerzen um die Wette. Die größte Edeltanne der Welt hätte nicht mehr Freude bringen können.
Abends bekam ich dann zwei Stunden frei, um meine Mutter zu besuchen, die in der Nähe wohnte. Als einziges Geschenk hatte ich für sie das Bäumchen. Meine Mutter schenkte mir ein Paar Schuhe, eine Kostbarkeit in jenen Tagen. Sie waren häßlich und das harte Leder drückte, aber man konnte darin laufen. Sie hatte die Schuhe aus einer alten Ledermappe bei einem Schuster arbeiten lassen. Als Macherlohn erhielt er neben dem Geld Rauchermarken, die Mutter dafür aufgespart hatte. So feierten wir Weihnachten und waren dankbar, überlebt zu haben. 
Langsam wurden die Zeiten wieder „üppiger“. Man konnte wieder Weihnachtsbäume kaufen und es gab auch wieder „richtige“ Geschenke, aber Weihnachten 1945 war schon ein ganz besonderes Fest.

Bild Meine Mutter und ich, rechts, vor dem zerbombten Haus von Freunden im Herbst 1944 in der Salzbrunner Straße. Während des Krieges war es streng verboten, ausgebombte Häuser zu fotografieren.


Das Holz für Weihnachten
von Elisabeth Schmack

Venzka bei Hirschberg/Saale, Thüringen;1945
Es war kurz vor Weihnachten 1945. Mutter und wir drei Geschwister lebten seit einigen Wochen in einem winzigen Zimmer, der ehemaligen Kleiderkammer der Freiwilligen Feuerwehr in Venzka. Nach vielen Monaten Flucht, Vertreibung, Lager und Herumgestoßensein kamen wir hier einigermaßen zur Ruhe. Auch wenn es durch Tür und Fenster zog und der kleine eiserne Ofen unser mühevoll gesammeltes Holz schneller durch den Schornstein jagte, als wir es beschaffen konnten, fühlten wir uns nach und nach geborgen. In diesen Tagen versuchten wir, uns einen Holzvorrat anzulegen, um über die Weihnachtsfeiertage „frei“ zu haben. Ein einheimischer Nachbar, der unser Bemühen sah, lieh uns eine Axt, denn bisher hatten wir die trocknen Äste nur mit den Händen von den Bäumen brechen können und über dem Knie kleingemacht.
Mein jüngerer Bruder und ich, 15 Jahre alt, gingen an einem kalten und schneereichen Tag mit der Axt und dem ebenfalls geliehenen Seil „ins Holz“. Die Luft war frisch und die Sonne ließ den Schnee glitzern. Doch wir hatten kaum den Blick für die herrliche Landschaft. Da, wo wir hingingen, hatten wir die dicksten Stubben schon ausgemacht. Hier trennte die Saale Thüringen und Franken. Hier war auch die Trennlinie der Ost- und Westzone. Es interessierte uns nicht, ob die Zonengrenze bewacht sein könnte. Für uns war das Holz ebenso Lebensmittel wie die Nahrungsmittel, die wir auf Lebensmittelkarten im Laden bekamen. Voller Elan machten wir uns an die Arbeit, die uns zu Weihnachten eine warme Stube bescheren sollte. Doch immer wieder sprang die Axt vom sperrigen Holz der Baumwurzel ab, ohne etwas zu bewirken. Wir waren nicht nur schwächlich, sondern auch unerfahren im Umgang mit einer Axt. Verbissen hauten wir abwechselnd auf das begehrte Holz der riesigen Baumwurzel ein. Diese großen Scheite, das wußten wir, würden viel länger Wärme spenden als das „Kroppzeug“, das wir ohne Axt nach Hause brachten. Jetzt war ich dran und schwang die schwere Axt hoch in die Luft.
Da stand plötzlich ein uniformierter Russe vor uns, das Gewehr im Anschlag. Ich war wie erstarrt. Nur in meinem Kopf arbeitete es wie verrückt. Bilder sah ich wieder, die ich endlich vergessen wollte. Von den rauhen Worten verstand ich nur „... dawei ...“
Aber ich konnte mich nicht rühren.
Da sprang der Soldat auf mich zu und entriß mir die Axt. Großer Gott ... wenn jetzt ... Und die Mutter weiß nicht mal die Stelle, wo wir nach Holz gingen ... Was wird ...?
Da krachte es. Ich kam wieder zu mir. Der Wurzelstock war mit einem mächtigen Hieb gespalten. Seine Ausläufer kappte der fremde Holzhauer in kurzer Zeit. Mit noch zitternden Knien schauten wir beide dem fast extatischen Treiben zu. Seine Uniformjacke hatte der Soldat ausgezogen und sein Gewehr an einen Fichtenstamm gelehnt. Wurzel um Wurzel holte er aus dem Boden. Die langen Holzstücke warf er neben uns auf einen Haufen. Jetzt wurden auch wir wieder lebendig und banden das Holz mit dem Strick zusammen, um es tragen oder hinter uns herzuschleifen zu können.
An unseren Gesichtern mußte der Soldat gesehen haben, wie erleichtert wir waren, denn zum Sprechen fehlte uns noch immer der Mut. Natürlich war es auch die Freude über das Holz, das uns dieser Mensch geschenkt hat. Aber es war auch die Erkenntnis, daß „Die“ nicht alle so sind, wie wir es vor kurzem noch erfahren hatten.

Bild

Die ehemalige Schule und spätere Gemeindeverwaltung in Venzka bei Hirschberg in Thüringen. Eine Aufnahme von Anfang der 90er Jahre.
1945 war das Gebäude vollgestopft mit Flüchtlingen. Mutter und wir drei Geschwister hausten in einer kleinen Kammer nach hinten raus. Dort, wo das Auto steht, befand sich damals der „Milchbock“, eine kleine Rampe, auf die die Bauern ihre Milchkannen zur Ablieferung stellten. In den Abendstunden war hier das Zentrum der Dorfjugend. Die Mehrzahl bestand aus Flüchtlingskindern. Links vom Haus führt der Weg zur Saale hinunter, wo der „Holzeinschlag“ erfolgte. Alles gehörte Jahrzehnte zur 500-Meter-Sperrzone, die wir nach unserem Wegzug aus Venzka nicht mehr betreten durften.

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